• Kucki 232

Folge 29 - Ich will das alles nicht


 

Zweite Frühlingswoche: Freitag

Geburtstag: keiner

Event/Feiertag: Nacht in der Stadt

Erzähler/in: Emily

 

Meine Nacht war mal so richtig ätzend. Marc hat sogar auf der Couch geschlafen. Verdammt. Was war das gestern? Ich bin im Moment nicht ich selbst. Kein Wunder, denn ich möchte das ja alles nicht.

Trotzdem übernehme ich erstmal die Kids. Das lenkt ab, bevor ich hier ganz durchdrehe.

Denn das Leben muss weitergehen.

Ich sehe doch, wie sich die Kinder Sorgen machen. Madleen spricht mich wegen ihrer Blume an:

„Hat dir die Blume doch nicht geholfen? Ich dachte, sie würde helfen? Du streitest mit Paps und das macht mich traurig. Hört bitte auf, okay?“

Selbst Niklas hat etwas zu viel davon mitbekommen. Es tut mir so leid.

„Ihr habt euch bislang nie gestritten. Warum jetzt?“

Die Kinder sind in der Schule und ich mache mich auf zu den Tieren. Manchmal kann ich mir dann doch nicht die Tränen verkneifen. Ich hasse mich, für mein Verhalten, aber ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich bemerke, wie Marc hinter mir in die Werkstatt geht. Kein „Guten Morgen“, kein nichts.

Aurelie habe ich bei mir unten. Sie ist ganz entzückt von den Tieren, auch wenn sie es mit einigen noch nicht so ganz schafft, Freundschaft zu schließen. Aber ich muss kurz schmunzeln. Danke, Süße.

Schließlich rennt sie aber zu ihrem Paps. Ich komme hinterher. Es schmerzt eh schon alles, also möchte ich es nicht noch schlimmer machen. Ich möchte mich entschuldigen. Als ich jedoch in die Werkstatt komme, ist er so auf sein Kunstwerk fixiert. Verständlich. Aber auch Marc soll verstehen, was passiert ist.

„Papa, Mama Kussi, hihi. Nicht streitet. Lelie hasst streiten. Redet Papa jetzt.“

Wie bitte? Dieser kleine Wonneproppen ist ja gerade mal richtig süß. Sie ist noch so klein und selbst bei ihr ist es angekommen. Was habe ich getan? Marc schaut sie kurz an und scheint selbst darüber verblüfft zu sein, was seine Tochter hier gerade von sich gegeben hat. Ist aber dann schnell wieder an seinem Werk dran.

„Habt lieb und ich ganz doll lieb habt.“

Marc hört mit seiner Arbeit auf und schaut zu Aurelie runter. Ich glaube, wir können beide gerade nicht so richtig glauben, was sie da sagt. Selbst die Kleinste. Nein, es reicht mir jetzt auch. Ich werde mit Marc reden. Nur, es ist gerade so schwer.

Ich nehme sie in den Arm und bitte sie, draußen spielen zu gehen. Sie soll keine Angst haben. Man, sie ist mir gerade so dankbar. Was!?

Da sind wir nun. Allein und kein Ausweg mehr. Keine Ausreden mehr und kein Streit. Es ist immerhin meine Schuld. Dafür muss ich geradestehen. Marc versucht sich derweil mit seinem Handy abzulenken. Hihi, süß.

Bis er es schließlich wieder wegsteckt und traurig zu Boden schaut. Was habe ich ihm nur angetan?

„Hör zu. Können wir in die Stadt? Ich würde gerne mit dir wohin und dann erzähle ich dir alles, okay? Ich rufe Benny an. Er langweilt sich eh zuhause, sagt er mir immer.“ Marc schaut mich nur an und möchte wohl noch viel mehr hören, als das.

„Bevor wir gehen: Entschuldigung oder sowas? Irgendwas?“

Ich grinse nur, was Marc erst recht irritiert, aber das ist okay.


Nachdem ich Benny angerufen habe, kommt er sofort zu uns. Das ist nett, aber er ist wie gesagt auch froh, mal woanders zu sein. Doreen ist viel am Arbeiten und auch er hat mittlerweile eine kleine Tochter.

Ich nehme Marcs Hand und sage nichts. Gut, klar. Das kann jetzt auch ordentlich nach hinten losgehen. Gestern habe ich ihn regelrecht angeschrien und heute soll alles wieder vergessen sein? Nein, natürlich nicht. Nur ich habe mir zur Entschuldigung etwas Spezielles einfallen lassen.

Wir gehen nämlich zu unserer Bank an unserem Ort, wo wir uns das erste Mal gesehen haben.

Mist. Und dann verliere ich doch den Faden und habe etwas Angst. Marc ist immerhin schon mal mitgekommen. Das ist doch gut. Jetzt liegt es an mir. Nur, wie wollte ich anfangen? Ich. Hmpf.

Bis alles auf einmal rausscheppert:

„Marc, es tut mir leid, okay? Ich liebe dich und ich würde dir niemals wehtun. Das in den letzten Tagen war zu viel und ich wollte nicht, dass ihr drunter leidet. Plötzlich falle ich hin und alles kommt wieder hoch. Bilder. Viele Bilder aus einem Leben, wovon ich gar nichts mehr weiß. Plötzlich war alles klar. Warum habe ich das alles vergessen?“

„Äh, was bitte?“

„Du meckerst mich an und schreist und haust mir Wörter um den Kopf und dann setzen wir uns hierhin und dann heile Welt und so? Du hättest gleich zu mir kommen sollen, bevor du meinst, mir Wörter an den Kopf zu werfen.“

„Man, ja. Ich weiß, okay? Ich hatte Angst. Plötzlich kommen die ganzen Bilder hoch. Wie in einem Film. Bis ich verstanden habe, was hier überhaupt abgeht und wer diese beiden Typen sind. Sie sollen verschwinden und mich einfach in Ruhe lassen.“

„Ach. Und dann sagst du es ihnen nicht einfach und pöbelst mich lieber an?“

„Ich hatte Angst und ich wusste nicht weiter. Diese Kinder. Ich weiß nicht, was das war, aber es ist unheimlich. Es hat ein altes Ich aktiviert. Keine Ahnung. Plötzlich sind diese Erinnerungen da. Ich hasse das und ich will das nicht mehr. Ich liebe meine Familie und niemand wird es mir miesmachen.“

Ich kann meine Tränen einfach nicht aufhalten. Ich möchte diese Erinnerungen nicht haben. Was soll das jetzt? Wer bin ich? Was bin ich? Ist das wirklich gewesen? Es ist alles noch so verwirrend. Es fühlt sich echt an, aber dann auch wieder so, dass ich weiß, dass ich das nicht möchte. Und dann dreht sich alles und ich verstehe alles, aber irgendwie auch nicht.

Marc merkt langsam, wie es mir geht und warum ich nichts gesagt habe. Ja, ich hätte zu ihm kommen können, aber womit denn? Ich wusste es ja selbst nicht. Bis ich die Bilder meiner Eltern selbst anschaute und auch die alten Fotos von mir. Da war was.

Also nehme ich einfach nur Marcs Hand und sage:

„Es tut mir leid und du bist das Süßeste, was mir je passieren konnte. Ich wollte dich nicht verletzen. Ich brauche dich.“

„Ich werde Miguel sagen, dass ich da nicht mitmache und alles ist wieder gut. Müssen sie selbst sehen. Ich mach’ nicht mit. Niemals. Lieber gehe ich mit dir jetzt rein und wir hören unser Lied an der großen Anlage. Hast du Lust? Hihi.“

Ich merke, wie meinem Mann ein Stein vom Herzen fällt. Er atmet tief ein und aus und schaut mich immer wieder an. Bis auch ich sehe, was ich überhaupt angerichtet habe. Sowas darf nicht mehr passieren. Nie nimmer nicht.

Wir verpieseln uns nach drinnen und fragen, ob sie unser Lied spielen können. Es ist gerade so schön und wir tanzen einfach nur. Kurz mal alles vergessen.

So ganz wohl fühle ich mich nämlich trotzdem noch nicht. Ich habe ihm wehgetan. Das ist unverzeihlich.

„Ich lieb dich, Marc und das sage ich dir gerne jetzt immer und immer wieder, bis es dunkel wird. Dabei hören wir unser Lied und tanzen.“

Mir gerade alles egal. Ich küsse Marc und mir egal, ob uns die Leute da gerade anschauen, als wären wir kleine Kinder, die sich frisch verliebt haben. Tja. Schaut euch das an. Selbst nach 12 Jahren lieben wir uns noch so. Na? Neidisch dahinten? Hihi.

Wir gönnen uns einen Wein und ich stoße mit ihm auf unsere ewige Liebe an, nachdem ich immer noch zwischendrin sage, dass es mir leidtut und so. Tja. Marc hat es nicht verdient, schlecht behandelt zu werden und dann bin auch ich noch diejenige, die ihn so anfaucht. Puh. Das werde ich den Rest meines Lebens wiedergutmachen. Und wenn ich ihn unter den Tisch knutschen muss.

Als wir wieder zurück nach Hause gehen, erzähle ich Marc auch, wer diese beiden Typen sind. Nur, warum habe ich das alles vergessen und plötzlich ist es wieder da? Ich weiß, dass meine Familie viel Leid ertragen musste, nur um irgendwie die Welt zu retten. Ich weiß auch, was Nachtwandler sind. Jetzt zumindest wieder. Alles war plötzlich so kristallklar. Das sind Magier, die in die Zeit reisen und Dimensionen erschaffen konnten. Da sie so mächtig waren, wurde ihnen ein kleines Manko auferlegt. Sie hassen die Sonne und ernähren sich von Blut. Sie waren zu mächtig mit dem Zeitreisen. Oh ja. Da erinner’ ich mich dran. Alles ist wieder da. Aber nein. Ich will das nicht. Niemals. Nö.


Wir kommen an unserem Haus an und da besiegle ich es auch noch einmal.

„Ich werde unsere Familie niemals in Gefahr bringen. Und genau deswegen melde ich mich jetzt gleich bei Miguel, dessen Nummer ich nämlich witzigerweise noch habe, und sage ihm, dass er diesen Mist allein ausbaden kann. Versprochen.“

Also rufe ich Miguel an und sage ihm, dass er und Ramon allein klarkommen müssen bei dem, was auch immer sie vorhaben. Ohne mich. Danach konzentriere ich mich wieder voll und ganz auf meine Familie und die Erinnerungen kehre ich mit einem Besen weg.

Danach nehme ich meinen süßen Blondschopf in den Arm und sage ihm, dass nun alles vergessen wird und wir da weitermachen, wo wir aufgehört haben.


Bis es dann irgendwann an der Tür klingelt. Was bitte? Miguel? Warum? Ich habe ihm doch gesagt, ist nicht. Ich möchte die Tür wieder zu machen, aber er fängt total an zu fauchen. Was soll das denn bitte jetzt?

„Nein, Stopp, Emily. Das geht uns alle an, auch wenn wir dir deine Erinnerungen gelöscht haben. Du musst uns einfach helfen.“

„Ach ja? Muss ich das? Warum löscht ihr mir dann erst die Erinnerungen, hmm? Habt ihr mir die wiedergegeben? Hmm?

Es ist mir total egal, was er sagt.

„Die Zukunft liegt in unseren Händen und wir müssen reparieren, was wir kaputtgemacht haben. Da führt kein Weg dran vorbei. Wir dachten ja selbst, dass alles vorbei ist, wenn wir gut sein lassen werden. Verdammt nochmal. Emily. Du bist eine Magierin und Punkt.“

Bis dann irgendwann Marc mit dazukommt. Er weiß zwar nicht so recht, was hier gerade abgeht, aber ich freue mich, dass er hinter mir steht. Marc bittet Miguel, das Haus zu verlassen.

„Was? Nein. Emily? Wir brauchen dich. Wir haben zwar die beiden Kinder gefunden, aber was sollen wir jetzt machen? Sie sind bei uns im Reich. Bitte, schau sie dir doch einmal an. Nur du kannst das alles wieder geradebiegen.“

„Hast du meine Frau nicht gehört? Verschwinde. Wobei soll sie denn auch helfen können? Sie will nicht, okay?“

Denn ich bin ganz ehrlich. Hier ist mein Leben. Meine Familie ist mein Leben. Deswegen bitte ich auch noch einmal, dass Miguel da allein durch muss mit Ramon. Es sind nicht meine Scherben.

Miguel gibt daraufhin auch auf und holt seine Sachen. Los, geh. denke ich nur. Hau ab.

Denn ich möchte mich mit wichtigeren Dingen beschäftigen, da ich immer mehr merke, wie die Zeit läuft. Sie läuft an einem vorbei.

Und das spürt selbst Marc.


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