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  • Kucki 232

Folge 35 - Onkel Jimmy


 

Am nächsten Vormittag kümmere ich mich um Michelle und lerne halt noch 'nen bisschen. Besser als an gestern zu denken. Raina hatte mich vorhin noch angeschrieben, was denn los gewesen sei. Aber mit ihr darüber zu reden, würde das Lächerliche noch steigern. Joel der Dussel. Mädchen-Dussel. Wie auch immer ich das nennen kann.

Deswegen werde ich mich wohl wieder mit Dingen beschäftigen, wo ich besser drin bin. Zocken zB. Oder seine kleine Schwester einfach liebzuhaben. Mehr brauche ich nicht. Habe ja versucht, mal ein bisschen aus mir rauszukommen, aber man sieht ja, wie ich scheitere.

„Das ist heute 'nen blödes Wetter, was? Können wir draußen gar nicht zusammen spielen.“

„Da da.“

Mam war heute Morgen ganz schön schnell und hat mir einen neuen PC besorgt. Für meine Spiele reicht der voll und ganz. Ich kann ja auch nichts zu, wenn er während des Umzuges runterfällt. Der war mehr als Schrott. Und da habe ich mir die ganzen Teile mühsam zusammengespart. Erstmal das Ganze einrichten und den Kopf freibekommen. Vielleicht zocke ich auch die nächsten drei Jahre durch. Dann gehe ich eh studieren und so. Ach ne. Wer weiß, auf was ich für Probleme dort dann stoße?

Heute ist irgendwie so ein Gammel-Samstag. Bei dem Wetter auch kein Wunder. Paps lernt sehr viel für seine Weiterbildung. Wenn er nach Hause kommt, schreibt er seinen Kram oder löst Fälle. Mam wiederum hat jetzt schon bei ihrer Arbeit einen so guten Eindruck hinterlassen, dass sie ihre Probezeit mit Bravour besteht. Freut mich, dass es zumindest bei meinen Eltern gut läuft.


Paps holt mich und Mam ins Esszimmer. Familienversammlung. Da bin ich mal gespannt.

Vielleicht ist das jetzt meine Chance, mich mal richtig auszukotzen.

„Kann ich nicht auch die Schule wechseln? Das ist total doof da und irgendwie ist da alles Mist und dann dieser Müll da gestern. Das ist so peinlich und meine Noten werden jetzt bestimmt auch schlechter, weil ich mich nicht mehr konzentrieren kann und so. Ja, so wird es nämlich nachher aussehen.“

„Und dann kam Katharina noch nicht mal und Alex war dann da und grinste wieder nur blöd. Ich mach´ mich doch nur zum Clown da. Mam, das ist schon fast Mobbing.“

„Hör mal zu. Wenn du meinst, es Aurelie jetzt gleichzutun, hast du dich geschnitten. Wegen so einem Kram wirst du bestimmt nicht die Schule wechseln und reißt dich vielleicht mal zusammen. Was hast du im Praktikum bislang gelernt, hmm? Mimi machen?“

„Außerdem kommt Jimmy gleich vorbei und möchte mit uns reden. Es kann nicht mehr lange dauern.“

„Wie bitte? Jimmy kommt her?“

„Ja, warum nicht? Habe nachgedacht und ich möchte mir anhören, was er zu sagen hat. Wenn er wirklich in Schwierigkeiten steckt, dann helfe ich.“

„Jimmy hat uns aber angelogen.“

„Wo denn?!“

Da mich gerade die Gedanken von gestern wieder zerreißen, beschließe ich, Michelle zu füttern. Mal schauen, ob ich das hinbekomme. Sah gestern bei Mam zumindest leicht aus. Meine Schwester und ich sind ein Spitzenteam.

Ich werde Katharina und Melody endgültig vergessen. Das Leben, wie es jetzt ist, macht mehr Spaß. Ich kann tun und lassen, was ich will. Wollte doch sowieso mal mit Emilio um die Häuser ziehen.


Es klingelt etwas später an der Tür. Mam macht auf und es hört sich nach Jimmy an. Wäre ja jetzt auch zu einfach, wenn es Katharina sein würde. Sie ist für mich gestorben und Punkt.

Jimmy hat es sogar sehr eilig.

„Hey, hören sie mal. Sie können hier nicht einfach so reinplatzen.“

Moment mal. Das soll Jimmy sein? Letztens sah er doch noch ganz anders aus. Musste er sich wirklich so sehr tarnen? Das wäre ja krass. Und er sieht Paps wirklich sehr ähnlich. Hm. Wenn ich das alles so analysiere, müssten die beiden also die gleiche Mam haben. Paps meinte mal, dass er mehr nach seiner Mam kommen würde. Habe sie nur auf Bildern gesehen. Wow, die Ähnlichkeit ist der Hammer.

„Ist okay, Emily. Das ist Jimmy. Ich habe mich letztens schon kurz mit ihm getroffen.“

Wir setzen uns hin und ich komme aus dem Staunen nicht mehr raus.

„Hey, Joel. Alles klar? Was machen die Mädels so?“

„Äh.“

„Nein, Spaß. Es klingt wirklich sehr doof, dass ich meine Familie erstmal kennenlernen muss. Da muss ich mich dran gewöhnen, plötzlich eine Familie zu haben. Sorry, also, wenn ich hier so reinschneie.“

„Ich bin übrigens Sebastian. Jimmy ist nur mein Spitzname. Habe ich auf der Straße bekommen. Es ist alles eine lange Geschichte und ich möchte euch das nicht alles gleich erzählen.“

Paps schaut Jimmy, äh Sebastian aufmerksam an. Für ihn muss es auch ein ganz schöner Schlag sein, plötzlich einen Halbbruder zu haben. Nur, warum haben wir davon nie was gewusst? Warum ist er plötzlich hier? Warum sah er so anders aus? Ich verstehe absolut gar nichts.

„Ich werde Jimmy helfen, weil es stimmt, was er sagt. Tanya ist unsere Mutter. Er ist vier Jahre jünger als ich. Als Paps damals starb, weißt du doch noch Emily. Ich war 17. Mam hat danach einen anderen kennengelernt, aber nicht gewusst, was auf sie zukommen würde. Wie Jimmy schon sagte: Es ist eine lange Geschichte. Doch ich werde ihm helfen. Damals wusste ich noch von gar nichts und er hat mir nie gesagt, dass er mein Bruder ist. Tja. Und jetzt kann ich was machen und das werde ich auch.“

„Hätte ich mich nicht versteckt, dann wäre mir mein Onkel auf die Schliche gekommen. Irgendwann hätte auch er euch entdeckt. Ihr werdet bald verstehen, was ich meine. Ich kann noch nicht zu viel reden. Weiß nicht, wem ich trauen kann. Ihr und die Hunde seid das Einzige, was ich im Moment habe. Mein Onkel hat mir alles genommen.“

Hm, ich denke mir gerade nur, dass er gar nicht jünger aussieht als Paps. Wow. Ich muss noch so viel verstehen und vielleicht kann ich Paps dabei helfen. Noch habe ich sechs Wochen Praktikum. Wenn er wirklich mein Onkel ist, dann bin ich dabei.

„Okay, Jungs. Ich lasse euch mal allein reden. Muss eh die Wäsche aufhängen.“

„Nur wenn ich dir helfen soll, dann musst du mir auch alles erzählen. Und wenn meine Familie in Gefahr ist, dann musst du mir das auch sagen. Sonst muss ich Hilfe anfordern. Das geht dann nicht anders.“

Ich bleibe nur hier sitzen und höre aufmerksam zu.

„Von welchem Onkel redest du eigentlich? Mam hatte doch gar keinen Bruder. Wer soll das sein?“

„Von meinem Paps. Er ist gestorben und mein Onkel wollte nicht, dass ich die Baufirma bekomme. Er hat alles in die Wege geleitet, damit er sie bekommt. Ich konnte gar nichts mehr machen. Der Typ hat so viel Macht. Sagt er einmal einem Bullen was, dann führen die das aus. Er ist zu mächtig für mich. Mir ist die Baufirma eigentlich egal, aber er hat mein ganzes Leben ruiniert.“

„Was meinst du, warum sie mich im Krankenhaus nicht behandeln wollten? Meine Tarnung ist aufgeflogen. Er kannte selbst den ausgedachten Namen plötzlich von mir.“

„Ach. Und du spazierst dann hier einfach so rein, ohne zu wissen, ob du nicht irgendwie Aufmerksamkeit auf dich gezogen hast? Letztens hat mein Sohn schon Mist gemacht und jetzt kommst du noch mit so einer lebensgefährlichen Situation an? Einfach so?“

„Nein. Ich habe eine neue Tarnung. Also nicht so ganz. Mann, ey. Ich habe keine Zeit, das alles zu erklären.“

„Okay. Und was brauchst du? Personenschutz? Ich kann meinen Kumpel anrufen. Damit das nicht in Richtung Polizei geht. Der kümmert sich um alles. Brauchst du Schutz oder nicht?“

„Sicher, dass du dem Kumpel trauen kannst? Mittlerweile habe ich es aufgegeben. Ich bin schon ganz paranoid von diesem ganzen Mist. Ich möchte einfach nur, dass es endlich vorbei ist und ich mich vernünftig von meiner Frau verabschieden kann. Und wenn ich kann, dann werde ich diesem Arsch die Eingeweide rausballern, damit er mal spürt, wie so ein Leben ist.“

Also, es ist ja nicht der Satz, der jetzt gerade komisch klingt, sondern dass er darüber lacht. Onkel Jimmy scheint wirklich viel durchzumachen. Dass er sich zwischendurch mal eigenartig benimmt, habe ich schon bemerkt.

„Nur tu mir bitte einen Gefallen. Verhalte dich unauffällig und mache nicht den Anschein, dass wir uns kennen. Ich merke gerade, wie idiotisch das war, dass du hier einfach so reinspaziert bist. Da überlege ich mir dann was. Du tauchst jetzt erstmal unter und wenn es so weit ist, dann gibt ein Kontaktmann dir ein Prepaid-Handy, okay? Du lässt dich nicht mehr hier blicken, bis die Luft rein ist, alles klar?“

„Ja, na klar. Tut mir leid. War doof von mir. Ich verschwinde erstmal wieder.“

„Du kommst in 6 Tagen zu diesem Convenience Laden hin. Ich gebe dir die Adresse. An der Kasse melde dich mit meinem Namen an. Die Kassiererin dort ist nicht so ganz helle, aber das wirst du schon hinbekommen.“

„Alles klar. Danke.“

Jimmy verlässt das Haus, nachdem er uns noch einen Namen gibt. Ich hoffe, dass alles gutgehen wird.


Paps und ich machen uns direkt dran und versuchen etwas über den Onkel rauszufinden. Der Fall klingt so gefährlich. Wer weiß, wo er überall seine Strippen zieht?

Das Paps doch etwas schiss hat, sehe ich ihm an. Immerhin kann jeder Fehler die ganze Familie mit reinziehen.

Er durchforstet seine speziellen Seiten. Wir haben noch viel zu tun.

Manchmal wünsche ich mir, dass ich nicht mehr nur im Praktikum wäre, sondern direkt bei Paps anfangen kann. Herr Müller hat mir letztens gesagt, dass ich locker vorzeitig die Schule abschließen kann. Meine Noten sind wieder im hellsten grün. Ob ich das machen soll?


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