• Kucki 232

Folge 47 - Sonst wäre alles doch zu einfach


 

Erste Herbstwoche: Dienstag

Geburtstag: keiner

Event/Feiertag: keiner

Erzähler/in: Emily

 

„Mam? Paps? Entschuldigung, dass ich störe, aber ich möchte heute nicht in die Schule.“

Es ist ein bisschen hart, wenn plötzlich das grelle Licht angeht und mein Sohn hier so steht. Puh. Da muss ich erstmal meine Gedanken sortieren. Marc kam ja selbst erst sehr spät nach Hause. Wann war das? Um 3?

Aber das ist okay. Wir wissen ja, dass Joshua im Moment so seine Problemchen hat. Dass er jetzt jedoch nicht in die Schule möchte, haut mich dann doch etwas um.

Ich gehe zu ihm und frage nach.

„Mam, es tut mir auch leid, dass ich hier einfach so reinplatze, aber ich habe schlecht geschlafen. Mir geht es mies und dann bekomme ich heute Morgen noch eine miesere SMS. Bitte. Ich kann mich so nicht konzentrieren.“

„Hey, komm erstmal her und zeig mir mal die SMS.“

Er hält mir sein Handy vor die Nase und ich sehe eine SMS von Marianne:

„Uff. Also, das ist ein hartes Stück. Sie macht doch einen ganz netten Eindruck. Was soll das jetzt?“

Ich zeige die SMS meinem Mann, der irgendwie noch überlegt, ob er sich jetzt einfach wieder hinlegen oder einen Kaffee machen soll.

„Mam, ich dachte, ich hätte alles unter Kontrolle, aber so mies war man noch nicht zu mir. Ich wollte nur helfen und das ist der Dank dafür?“

Ich schaue zu Marc rüber und warte auf sein „Ok“, ob Joshua zuhause bleiben kann oder nicht. Das Leben muss trotzdem weitergehen und so lassen sich die Probleme leider auch nicht lösen, doch für heute sind wir uns einig. Soll er sich einen Tag auskurieren.

„Danke. Morgen gehe ich aber wieder in die Schule. Ich muss mir erstmal was überlegen.“

Joshua geht aus dem Schlafzimmer raus und wir hören ihn seufzen. Natürlich hat er Tränen in den Augen. Das tut mir selbst gerade schon richtig weh. Meinen Sohn so zu sehen, ist eine Seltenheit. Immer fröhlich und abenteuerlustig und dann das.

Meine Gedanken kreisen ja so schon durch das magische Reich und unserer Zukunft hier in der Familie. In den letzten Tagen habe ich mir viele Gedanken gemacht. Nicht immer Gute, doch Joel und Madleen geben mir ein bisschen Hoffnung.

Das weiß auch Marc und genau deswegen nimmt er mich jetzt einfach in den Arm.

„Hey. Ich mach’ mir eben 'nen Kaffee und werde wach und dann kümmern wir uns um alles, okay?“

„Klingt nach einem Plan, hihi.“

„Ich lieb dich.“

„Ich dich auch.“

Und schon ist der Tag gerettet. Wir haben beschlossen, seinen Geburtstag am Wochenende noch etwas nachzufeiern. Ich habe ja jetzt auch bald und da kommt mein Blondschopf einfach nicht drumherum, hihi. Emilio wiederum möchte nicht feiern.

Aber erstmal müssen wir andere Dinge erledigen. Joshua ist fertig mit der Welt.

Das sehen wir schnell beim Frühstück.

„Ich dachte, der Pfadfinderverein würde mir helfen, im Leben klarzukommen. Stattdessen mache ich alles falsch. Wir lernen dort nett zu sein und das bin ich. Ich brauchte es nicht mal lernen, denn ich bin einfach so. Und dann das.“

„Hey, Großer. Notfalls gehe ich da mal hin und rede mit ihnen, okay?“, schlägt mein Mann vor.

„Wie sieht das aus, Paps? Ich bin 15 und da muss ich mit den Problemen allein klarkommen.“

„Na ja. Dann musst du dich jetzt aber auch zusammenreißen und in die Schule gehen. Doch du versteckst dich dann ja auch nur. Meinst du, die Probleme verschwinden so von selbst?“


Ich lasse die beiden eben allein. Marc ist wohl auf dem richtigen Weg. Er hat ja auch recht. Außerdem muss der Haushalt eben ja auch noch gemacht werden, nachdem die anderen Kinder hier so ein Schlachtfeld hinterlassen haben.

Und auch unten wartet schon alles auf mich. Puh. Heute ist es ganz schön heiß. Für einen Herbstanfang ein bisschen zu heiß.

Ich mache mir viele Gedanken um Joshua. Ja und wie gesagt: nicht nur das. So viele Gedanken kreisen durch meinen Kopf. Neben den alltäglichen Problemen kommen übernatürliche noch mit dazu. Es läuft. Ich habe nicht mal richtig Zeit, mich um den Laden zu kümmern. Hm. Da habe ich mich so drauf gefreut.

Joshua zieht mich aus meinen Gedanken raus. Wenigstens kann er schon wieder etwas lachen. Marc konnte ihn wohl etwas anschubsen. Wunderbar.

„Kann ich dir irgendwie helfen? Jetzt bin ich schon mal hier und so kann ich mich bestimmt ganz gut ablenken.“

Marc schaut nur zu uns rüber, während er Fridolin saubermacht. Heute mal dreifache Power auf dem Hof.

Meine Jungs. Mir ist es wichtig, dass es jedem gutgeht.

Ich bin am Überlegen, den Laden wieder zur Seite zu schieben. Es wäre zwar schön gewesen, aber schaut es euch doch an. Kerzen gießen, sticken, Hof aufräumen, Kinder versorgen, eine starke Schulter für den Mann bieten und alles am besten in fünf Minuten. Und dann ebendieses schwere Ding mit dem magischen Reich. Ich weiß einfach nicht weiter. Egal. Heute hat mein Sohn oberste Priorität. Morgen wird er es allen in der Schule zeigen.

Wir können ihn zwar gerade gut ablenken, aber er muss auch auf morgen vorbereitet sein. Als Marianne bei uns war, war sie so nett und hat auch viel mit uns gelacht. Das finde ich selbst etwas komisch. Joshua erzählt, dass ihr Freund aus reichen Gefilden kommt. Klar kenne ich die Familie. Arrogant bis zum Dorthinaus. Marianne wiederum kenne ich nicht. Brunos Familie reicht mir schon. Das ist einfach nicht Joshuas Level.

Also versuche ich noch etwas Ablenkung reinzubekommen. Wir sind immerhin soweit fertig und ein bisschen Zeit bleibt noch, bis die anderen nach Hause kommen.

„Wollen wir nicht in der Stadt einen Kakao trinken? Was meint ihr? Oder wenn ich mir das Wetter so anschaue, vielleicht ja auch ein Eis essen.“

„Eis? Cool, bin dabei. Aber was ist, wenn mich da jemand sieht? Ich bin immerhin krank.“

„Dann kommen wir halt vom Arzt oder so und deine Mandeln wurden rausgenommen, hihi. Ach, das passt schon. Wenn es dir so besser geht, dann aufi.“

Marc würde zwar wohl jetzt lieber auf der Couch verbringen, aber das ist halt mal so. Heute Abend ist vor dem Fernseher wieder alles vergessen.

Also auf ins Café.


Als wir uns nach draußen setzen, ist meinem Sohn doch etwas unwohl. Er möchte einfach nicht gesehen werden. Soll er sich seinen Kummer jetzt zuhause ausheulen? Ob es das besser macht? Ich denke nicht.

Und mein Mann freut sich über seinen Kaffee.

„Paps, was hast du denn damals so gemacht? Hattest du dieses Problem auch? Ich denke nicht, dass du direkt Mam kennengelernt hast, oder?“

„Äh, ich. Ist das so wichtig?“

„Wenn es mir helfen könnte, dann schon.“

Nein, da muss ich gerade doch einlenken. Es wäre der falsche Zeitpunkt, um über Marcs Vergangenheit zu reden. Das sollen sie wann anders machen. Ich weiß, dass er nicht gerne drüber spricht.

„Hey, wie wär’s? Übergroßes Schokieis oder so? Hihi.“

„Aber Mam und Paps. Was soll ich denn jetzt machen? Es hassen mich alle in der Schule. Das ist total peinlich. Wieso wird man so bestraft, wenn man nett ist? Das ist unfair.“

Marc steht auf und holt sich noch einen Kaffee. Er redet nicht viel im Moment, aber es ist schon schön, dass er jetzt mitgekommen ist. Also versuche ich mein Bestes.

„Geht sie denn ans Telefon? Hast du das mal versucht?“

„Ja, Mam. Aber nichts. Es ist aus.“

Und aus einem Kaffee wird bei Marc schnell ein Eis, hihi.

„Selbst Bruno war nicht in der Schule. Ich weiß nicht, was da los ist. Und dann hetzt die Freundin mich nun gegen alle auf. Er hat sie so angeschrien. Behandelt, als wäre sie nichts. Sowas macht man doch nicht.“

Schließlich geht dann Joshua los und holt sich was von drinnen. Die Chance nutze ich und rede mit Marc drüber.

„Was meinst du? Steckt da doch mehr hinter? Ich weiß nur, dass Brunos Vater sehr reich ist und immer golfen geht. Ach, keine Ahnung. Das klingt absurd. Das kommt, wenn man mit einem Detektiv verheiratet ist, hihi.“

„Ich kann ja mal gucken.“

In dem Moment kommt unser Sohn auch mit einer Portion Eis um die Ecke. Wenn er Eis hat, fühlt sich die Welt gleich wieder viel besser an. Ich rede mit Marc nachher noch einmal. Vielleicht sind das ja Kriminelle oder sowas. Ich habe Marianne doch gesehen. Sie sah alles andere aus, als dass sie jetzt Joshua so hassen würde.

Und jetzt brauche ich auch irgendwas. Die Jungs essen und trinken mir da einen vor und ich vergesse schon ganz, mir was zu holen. Aber ich merke eh, dass ich Blödsinn rede. Da muss ich etwas aufpassen. Es sind normale Teenagerprobleme und da muss man nicht gleich kriminell sein. Ich sag’ ja: Meine Gedanken drehen sich im Moment überall hin. Ich hoffe, das kann man verstehen.

Also hole ich mir auch eine riesige Portion. Marc scheint derweil ja auch schon mit Joshua geredet zu haben. Oder haben sich angeschwiegen. Ich kann diese Blicke noch nicht so deuten, hihi. Mir ist es egal. Solange mein Sohn hier mit uns am Tisch sitzt und nicht gleich eine Apokalypse vor unserer Haustür ist, wegen so einem Drama.

Joshua holt sich noch etwas. Er soll jetzt bloß nicht zu viel essen. Sonst platzt der arme Junge noch. Da muss ich etwas aufpassen. Gibt ja auch nur Bauchschmerzen.

„Ich denke gerade viel nach, weil du ja auch recht hast. Marianne war doch recht gut gelaunt bei uns. Ich muss diesen Bruno mal sehen, damit ich weiß, ob ich den irgendwo zuordnen kann. Die Familie hat so einige Immobilien. Das weiß ich von Paps. Aber das bedeutet ja nichts. Mich wundert es nur, dass sie plötzlich so eine SMS schreibt. Sowas heißt oft nichts Gutes. Joshua meinte auch, dass sie in ihn verliebt wäre. Laut Aussagen. Das macht mich stutzig. Entweder ist das so ein Teenagerkram oder da ist wirklich was dran.“

Das Gespräch endet abrupt, da Joshi mit seiner nächsten Portion zu uns kommt.

Es wird langsam kühler und wir verpieseln uns nach drinnen. Marc ist immer noch sehr ruhig. Bis dann irgendwann etwas aus ihm rausplatzt:

„Bist du denn in Marianne verliebt? Ich mein jetzt so richtig und so, mit Gefühlen und dem Kram.“

Da kann ich gerade nicht anders und muss lachen. Wie süß ist das denn gerade?

„Äh, ich habe keine Zeit für Mädchen wegen des Vereins und so. Habe ich doch mal gesagt.“

Unser Sohn steht danach sofort auf und holt sich die nächste Portion. Puh, also langsam muss er dann doch mal genug haben. So viel würde ich nie im Leben essen. Der Junge scheint wirklich großen Kummer zu haben. Er isst ja so schon sehr viel, aber so viel dann auch wieder nicht.

Später gesellt sich sogar Aurora noch zu uns. Joshua kann endlich mal wieder etwas lachen und die Sorgen sind kurz vergessen. Das tut mir gut. Den Rest schaffen wir auch noch. Egal, was kommt: Ich bin für ihn da.

Mir geht es nur gerade so mies wegen Aurora. Jetzt, wo mir alles wieder eingefallen ist mit den Magiern, tut es mir sehr leid für Aurora, was sie durchmachen musste. Nein, ich rede mit ihr da nicht drüber. Es ist gut, dass sie alles vergessen hat. Sowas wie mit dem Fluch darf nicht nochmal passieren. Eine Schande der schwarzen Magier, dass sie ihr sowas angetan hatten. Nein, egal. Ihr geht es gut, also geht es mir auch gut.

Also reden wir eine ganze Weile über alles und jeden.

Sie hat so viel zu erzählen, dass ich mich irgendwann im Blick von Marc verfange. Irgendwann blende ich aus, was sie erzählt und schaue ihn einfach nur an.

„Hört ihr mir überhaupt zu? Hihi.“

„Äh, was? Ja ja. Na klar. Moment. Ich hole mir eben noch einen Kaffee. Gleich wieder da.“

Also gehe ich an den Tresen. Ich muss verdammt nochmal endlich diese blöden Gedanken sortieren. Ich habe einfach keine Ahnung, wo ich ansetzen soll. Verdammt nochmal.

Ganz schön voll hier.

Und so haben wir noch einen gemütlichen Nachmittag. Es wird einfach mal gelacht und alles andere wird vergessen. Marc und ich beschließen, die Sache mit Joshi im Auge zu behalten. Es kommt uns beide wirklich sehr merkwürdig vor, dass sie von hier auf jetzt ihre Einstellung so ändert. Schlimmer ist es, dass unser Sohn sich jetzt so mies fühlt. Joshua und schlechte Laune? Niemals.

Also mache ich wenige Stunden später dem Jungen Mut, dass er das schon meistern wird und er ein starker Junge ist. Jetzt Schwäche zu zeigen, wäre der falsche Weg. Er muss immer dran denken, dass auch er einen ordentlichen Schutz hinter seinem Rücken hat: Nämlich seine Eltern.


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