• Kucki 232

Folge 56 - Diesmal nicht


 

Zweite Herbstwoche: Donnerstag

Geburtstag: keiner

Event/Feiertag: keiner

Erzähler/in: Marc

 

Ich habe doch tatsächlich noch die ganze Nacht durchgearbeitet. Gut, so zwischendurch bin ich dann aber eingenickt. Dementsprechend tut jetzt mein Nacken weh. Eigentlich wollte ich ja bei Emily noch an der Seite einschlafen, aber dazu kam es dann irgendwie nicht mehr. Ich wälzte mich nur noch durchs Bett und jetzt bin ich eben müde wie blöd.

Vieles konnte ich dafür aber noch rausfinden. Auch den Namen von Mariannes Vater. Er heißt Fernandez und ist tatsächlich kein unbeschriebenes Blatt. Aber dann eher mit lauten Äußerungen. Von seinem illegalen Handel weiß nämlich kaum jemand was. Außer mir jetzt.

Hoffentlich können wir ihn bald dingfest machen. Solange wie ich warte, bleibe ich bei meiner Frau und genieße das Frühstück.

Heute habe ich eh noch genug auf dem Hof zu tun. Laub ohne Ende und dann soll es die nächsten Tage nur noch regnen. Ist doch doof. Also nutze ich die trockenen Phasen und harke schon etwas zusammen.

Natürlich denke ich auch viel über den Fall nach, aber mehr als warten kann ich jetzt eh nicht. Die Polizei möchte nämlich sein Haus durchsuchen und dann hoffen wir mal, dass sie etwas finden werden.

Und für Marianne wäre es dann auch endlich vorbei. Selbst ich habe ihre Angst in den Augen gesehen, als wir letztens da waren. Richtig verzweifelt war sie.

Während ich so meine Arbeit mache und nachdenke, werde ich dann doch mal kurz rausgeholt. Die Hühner sind schon verrückt. Meine arme Emily hat sich voll erschreckt, als der Hahn da plötzlich hinter ihr rumkräht.

Bis ich schließlich einen Anruf aus dem Revier bekomme. So schnell war ich noch nie am Telefon.

„Was? Er will flüchten? Echt jetzt? Woher wisst ihr das? … Marianne? Schlaues Mädchen. Wow. Nicht schlecht.“

„Nur, woher weiß er, dass wir ihm auf der Spur sind? Das muss doch durchgesickert sein. …

Ja, ich komm’ hin und kümmer mich um Marianne. … Ja, alles klar. Ja, ich kümmer’ mich drum. Nur schnappt dieses Schwein.“

Emily hat mir die ganze Zeit zugehört und dass sie jetzt natürlich Angst hat, ist klar. Wenn ich da jetzt hin muss, dann kann ja sonst was passieren. Ich versuche sie also zu beruhigen.

„Keine Angst. Sie fahren jetzt hin und schnappen ihn. Er darf nicht schon wieder entkommen. Der Mann hat richtig Kacke am Stecken. Aber so richtig. Illegaler Handel mit Tieren und Versicherungsbetrug. Der bekommt eine ordentliche Strafe. Und dann kommt noch Freiheitsberaubung dazu.“

„Ich muss nur leider los, da ich Marianne abholen soll. Muss aber erstmal die Lage checken. Vielleicht brauchen sie mich ja noch.

Emily ist total verzweifelt und möchte nicht, dass mir was passiert. Sie nimmt mich in den Arm und drückt mich so fest, dass ich schon fast keine Luft mehr bekomme.

„Der Mann ist gefährlich. Bitte pass auf dich auf. Versprichst du mir das?“

„Immer.“

„Ich muss jetzt aber los. Sobald ich mehr weiß, melde ich mich. Ich lieb dich.“

„Ich dich auch.“

Sie mag mich echt nicht loslassen und ich spüre, wie sie jeden meiner Schritte verfolgt, als ich das Grundstück verlasse und ins Auto steige.


Ca. 15 Minuten brauche ich bis nach Willow Creek. Polizeiwagen stehen rund um das Haus. Habe ich ja nichts verpasst, denn just in dem Moment kommt Fernandez in Handschellen raus. Yes. Sie haben ihn. Das ging jetzt alles so schnell. Fast wäre er wieder entwischt. Trotzdem müssen wir schauen, wo ein Leck ist. Irgendwer muss ihn ja informiert haben. Aber egal. Er ist erstmal gefasst und kommt hoffentlich nicht mehr frei.

Bevor ich reingehe, lasse ich der Polizei noch ihre Arbeit machen. Es ist das reinste Gewusel da. Das würde Marianne nur verstören. Also hole ich mir einen Kaffee.

Langsam begebe ich mich zum Grundstück und mir wird bestätigt, dass das Mädchen oben ist. Sie sitzt auf ihrem Bett.

Den Kaffee brauche ich immer vor einem Einsatz. Dann kann ich mich besser konzentrieren und habe das Gefühl, dadurch noch flinker zu sein. Nach der Nacht brauche ich aber eigentlich 10 Kaffee. Die Zeit habe ich aber nicht mehr.

Die Polizeiwagen verlassen mit Sirenen den Einsatzort, so dass ich dem Mädchen helfen kann. Unten im Keller sind noch ein paar Ermittler wegen der Schmuggelware, aber das ist mir jetzt egal. Mein Auftrag ist es, Marianne da rauszuholen.

Hey. Mir haben sogar alle auf die Schulter geklopft und sagten „Gute Arbeit.“ Ach, kommt. So viel habe ich jetzt auch nicht gemacht.

Als ich ins Haus gehe, höre ich nur das Rumpeln im Keller, aber ansonsten ist absolute Stille.

Schönes Häuschen ist es ja. Aber wer weiß, wie Fernandez das finanziert hat?

Marianne hat mich entdeckt und kommt sofort aus ihrem Zimmer raus.

Sie schaut mich total fertig an. Man sieht ihr richtig an, wie müde sie von der ganzen Sache ist. Weggetreten. Keine Ahnung. Wie kann man sowas machen? Warum hat er sie überhaupt festgehalten? Das gilt immer noch zu klären. Aber das Mädchen muss jetzt erstmal wieder auf die Beine kommen. Die Anhörung kann warten.

Marianne kenne ich ja nicht wirklich. Ich weiß halt nur von Joshua ein wenig. Und von dem Tag, als sie bei uns war. Mehr eben auch nicht.

„Hey, ist alles in Ordnung? Bist du verletzt?“

„Nein. Aber ich fühle mich unwohl. Ist es wirklich vorbei? Ist mein Vater weg? Bitte sag ‚ja‘.“

„Es ist vorbei. Dir wird keiner mehr wehtun.“

Marianne stürmt auf mich zu und nimmt mich in den Arm.

„Danke. Ich hatte schon die Befürchtung, dass alles vorbei ist. Mein Vater hatte einfach Angst, dass ich ihn verraten könnte. Er hat dich letztens erkannt. Du warst so nah dran, wieder Salz in die Wunde zu schütten. Er hat mir die Schuld gegeben. Ich......!“

Die Teenagerin fängt an zu weinen.

„Alles gut.“

Wir setzen uns hin und plötzlich öffnet sie sich. Sie versucht mir so viel wie möglich zu erzählen. Es muss alles raus.

„Ich sollte sogar mit dem Widerling Bruno zusammen sein, weil das ja Familienehre wäre. Das ist doch bescheuert.“

„Hör zu. Wenn du willst, kannst du heute bei uns bleiben und dann kannst du mir ja alles erzählen. Hast du denn jemanden, wo du erstmal bleiben kannst? Wie ich gesehen habe, ist deine Mutter verstorben, ist das korrekt?“

„Ja, Mam starb vor 3 Jahren. Ich spreche mit meiner Tante, ob ich da bleiben kann. Sie ist sehr nett und ich war als Kind schon öfter dort und habe übernachtet, wenn Paps wieder seine Anfälle hatte.“

„Okay. Super.“

„Ich hole nur ein paar Sachen aus meinem Zimmer.“

Zwar bemerke ich, dass sie irgendwo erleichtert ist, doch sie kann ihre Freude nicht so wirklich zeigen. Man sieht ihr richtig an, was sie durchgemacht hat.

Während ich warte, rufe ich im Revier an und gebe den aktuellen Status durch. Das einzige, worum sie mich bitten ist, dass sie noch einmal eine Vorsorgeuntersuchung machen sollte, ob auch alles okay ist. Muss ja immerhin alles protokolliert werden.

„Ja, ich bring’ sie dann nachher zum Arzt und dann zu ihrer Tante. … Ja, alles gut. Wird gemacht.“

Ich höre, dass Marianne noch im Bad ist. Ich nutze also die Zeit und schaue mich etwas um. So wirkt das Haus ja recht unauffällig. Bonze halt, der nicht so richtig weiß, wo er mit seinem Geld hin soll. Skulpturen stehen hier rum, wo man nicht mal erkennen kann, ob das nun Kunst ist, oder irgendwas Dahingeklatschtes. Ich bemerke viele Ledermöbel. Irgendwie handgemacht. Nichts Industrielles. Etwa von den illegalen Fellen? Nein, wäre zu auffällig. So doof ist er dann auch wieder nicht.

Na klar. 'Nen Pool darf natürlich auch nicht fehlen.

Und auch keine Bücher für den perfekten Jäger.

Ich warte in der Küche auf Marianne. Sie braucht ganz schön lange. Fast schlafe ich ein.

Erst denke ich, dass sie ja was mit dem Plan zu tun gehabt haben könnte und sie hat auf unschuldig getan. Vielleicht möchte sie ja flüchten. Verdammt. Habe ich was übersehen? Ich muss schnell hoch. Das ist so ruhig da oben. Als ich aber aufstehen möchte, kommt Marianne runter. Frisch geduscht und mit einigen Anziehsachen. Das wäre es ja jetzt echt.

„Können wir los?“

Sie schaut mich fragend an und erstmal muss ich das alles sortieren.

„Äh, ja klar. Komm, ich nehme dir was ab.“


Schließlich machen wir uns auf nach Windenburg. Die Fahrt über schweigt Marianne. Sie schaut nur aus dem Fenster.

Zuhause angekommen, atmet sie erleichtert durch. Wir gehen nach oben.

Sie hängt ihre Jacke an den Haken und geht etwas unsicher ins Wohnzimmer, wo meine Frau vor dem Fernseher sitzt und strickt. Sie strickt eigentlich nur, wenn sie nervös ist. Aber das braucht sie jetzt nicht mehr sein. Es ist alles gut. Emily schaut mich auch ganz freudig an, als sie uns beide sieht.

Nachher muss ich nochmal zum Verhör ins Revier. Jetzt aber erstmal kurz runterkommen. Die Zeit ist im Fluge vergangen, denn plötzlich kommen die Kids durch die Tür und wollen alle von ihrem Tag berichten. Emily wird sofort belagert. Joshi wiederum setzt sich zu uns und schaut Marianne einfach nur wortlos an. Selbige tut auch sie. Keine Ahnung, wie ich das nun deuten soll. Vor Erleichterung springen sie sich schon mal nicht an.

Doch dann stehen beide auf und umarmen sich.

„Hey. Alles gut? Hab mir Sorgen gemacht.“

„Ja, jetzt ist alles wieder gut. Dank deines Vaters.“

Dass Marianne auf meinen Sohn steht, habe ich ja schon mitbekommen, aber ich habe keine Ahnung, ob das auf Gegenseitigkeit beruht. Aus Joshi werde ich nicht so ganz schlau. Er hat ja nie Zeit und ihn würde ja eh kein Mädchen mögen und sowas halt.

Bis die beiden einige Zeit später jedoch in den Flur gehen, um unter vier Augen zu reden. Da werde ich dann doch etwas neugierig und belausche die beiden.

„Dein Paps ist echt ein Held, hihi.“

Oh je. So einen Status habe ich schon inne?

„Ja, er macht seinen Job sehr gründlich.“

„Du, ich würde dich gern mal zum Kakao einladen. Hättest du nicht mal Zeit? Ich konnte zwar nichts für die ganzen SMS, aber ich möchte mich trotzdem entschuldigen und es so wiedergutmachen. Du bist wirklich ein netter Kerl und so lieb und so und na ja.“

„Äh, bist du sicher? Ich habe eine Zahnklammer und eine Brille und bin dick und habe Haare auf dem Rücken. Sicher, dass du mit mir einen Kakao trinken möchtest?“

Mist, da muss ich mich dann doch verpieseln. Was hat er denn da gelassen? Haha. Echt jetzt? Schnell weg. Aber ganz schnell. Ich kann nicht mehr.

Also tu’ ich einen auf unschuldig und helfe Emilio bei seinem Projekt. Ich lass’ die beiden da dann lieber mal allein. Wäre ja echt heftig, wenn Joshua bald eine Freundin hätte. Immerhin erinnert mich das an meine Zeit, in der ich Emily kennengelernt habe. Und ja, auch an meine erste Freundin. Verena. Sie ist viel zu früh gestorben. Trotzdem bin ich jetzt hier und ich bin gespannt, was mich noch so erwarten wird. Besonders bei der Vernehmung. Fernandez muss hinter Gitter.


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