• Kucki 232

Folge 62 - Mach's gut


 

Erste Winterwoche: Mittwoch

Geburtstag: keiner

Event/Feiertag: keiner

Erzähler/in: Marc

 

Tja. Und so wie mein Tag gestern natürlich endete, so beginnt er heute. Mein Paps ist tot und ich kannte ihn nicht mal richtig. Ich wusste nicht mal, dass er angelte. Wir wären doch bestimmt oft zusammen unterwegs gewesen. Aber nun ist es zu spät.

„Emily, er darf einfach nicht tot sein. Er darf das einfach nicht.“

So wie jetzt habe ich in meinem Leben noch nie geheult. Noch nie.

„Hey, ja. Sven wird ein richtiges Loch in die Mitte reißen. Ich habe ihn auch sehr gemocht.“

„Jetzt müssen wir es nur noch den Kindern beichten.“

Meine Frau nickt nur.

Somit schlendere ich in die Küche. Nein, ich watschel. Ich - ach ich weiß auch nicht. So gehe ich eigentlich nicht in die Küche. Irgendwie muss ich ja bei klarem Verstand bleiben. Doch ich schaffe es nicht.

Es fühlt sich alles so trostlos an. So leer. Obwohl meine Liebsten um mich sind. Ich weiß, dass Paps jetzt niemals mehr hier durch die Tür kommen wird. Nie wieder mit seiner guten Laune und der perfekten Baufirma. Verdammt.

Emily ist bereits mit den Kids im Esszimmer. Sie wartet jedoch, da ich es sagen soll. Sagen, dass ihr Opa tot ist. Ich habe mich noch nie so schwach und hilflos gefühlt.

Sie bekommen schnell von unserer trüben Laune mit und länger kann ich sie nicht auf die Folter spannen.

„Opa Sven ist gestern Abend von uns gegangen.“

Ganz direkt verpackt. Ohne Umschweife. Anders schaffe ich es sonst auch nicht.

Und das passiert dann, wenn der geliebte Opa plötzlich nicht mehr ist. So kurz vor dem Winterzauber. Wo dann eigentlich der Opa mit einer riesen Tüte durch die Tür kommt und „Geschenke“ ruft. Jetzt haben meine Kinder gar keinen Opa mehr. Dementsprechend sind sie fassungslos.

„Oh, nein. Nicht Opa“, sagt Aurelie.

„Paps? Kann er dann nicht aber wenigstens bei uns auf den Familienfriedhof? Es wäre unfair, wenn er einfach so irgendwo auf einem anderen ist. Er hat es verdient, bei uns zu bleiben.“

Puh, selbst Emilios Worte gehen mir sehr nahe. Er ist in der letzten Zeit immer mehr für sich und dann muss ich ihm auch noch diese Schocknachricht mitteilen.

Die anderen nicken und würden die Idee wohl begrüßen.

„Klar, da hast du recht. Dann rufe ich nachher auf dem öffentlichen Friedhof an, dass wir die Beerdigung verlegen.“

„Cool.“

Bei dem einen kullern die Tränen, andere sitzen einfach nur träumend da. So eine Stimmung hatten wir noch nie am Tisch.

Ich muss auch erstmal raus, da ich das Gefühl habe, ich ersticke gleich.

Und nicht nur das steht auf dem Plan.

„Woaaaaaah, warum habe ich nicht mehr Zeit mit ihm verbracht? Ich fühle mich, als wenn ich nicht mal meinen eigenen Vater kannte. Das erste Mal, wo ich ihn gesehen hatte, habe ich nicht mal geschnallt, dass er mein Paps war.“

Er hat sich selbst mit Tufti und Fridolin des Öfteren unterhalten.

Meine Schnitzereien fand er immer so cool. Einmal hatte er sich eines mitgenommen. Trauriger Gedanke, dass diese jetzt auf dem Kamin steht, doch der Besitzer nicht mehr ist.

Die Zeit verfliegt sehr schnell, während ich so in Gedanken bin. Trotzdem kann es mich gut ablenken und ich heule nicht gleich los, wenn ich an Sven denke.

Schließlich liegt dann eh die Beerdigung an. Ich konnte es noch regeln, dass sie auf dem „Friedhof der Generationen“ stattfindet. Direkt neben Micha, der jetzt vom Reich wieder den Weg zu uns gefunden hat. Nur was ziehe ich an? Ich war das letzte Mal auf der Beerdigung von Jeremy und Nadja. So ewig her.

Ich setze mich aufs Bett und muss dann doch mal kurz schmunzeln. Was er jetzt wohl mit Jeremy da oben macht? Das kann ja heiter werden. Zwei Verrückte auf einem Haufen. Wunderbar.

Die anderen warten bereits auf mich. Es kann also losgehen. Der Weg zum Friedhof steht an. Vorher holen wir noch Mam, Nadine und Steven ab. Die Kids von meiner Schwester wollen nicht mit.

„Wollen wir dann los?“

Diese Stimmung tut mir richtig weh.

Mir kommen auch immer wieder die Tränen, egal, wie ich versuche mich zusammenzureißen. Es geht einfach nicht.

„Hey, komm mal her. So kurz vor dem Winterzauber ist es wirklich mies. Hey, hey. Mein süßer Blondschopf. Komm mal her.“

Sie ist gerade so lieb. Nein, sie ist natürlich immer lieb, aber sie weiß, wie man mit mir umgehen muss. Das hat nie jemand verstanden.

Bis sie dann die Idee hat, dass wir nach der Beerdigung einfach mal so in den Urlaub fahren könnten. Sie hätte schon alles organisiert und kurzfristig noch etwas bekommen. Echt jetzt? Wir müssen doch los und schaffen es nicht mal mehr, die Sachen zu packen.

„Tja, hihi. Die Kids wissen von dem Urlaub eigentlich schon seit gestern, hihi. Es sollte eine Überraschung werden, aber da hat sich ja jetzt noch was vorgeschoben. Ich habe deine Sachen bereits gepackt. Du brauchst ja eh nie viel, hihi.“

Jetzt bin ich baff. Urlaub? Jetzt? Mit dieser Stimmung? Puh.

„Marc bitte. Es wird uns guttun. Versprochen. Und so können wir zusammenrücken und über Sven reden.“

Meine bereits rotgeheulten Augen schauen sie nur an. Sie hat ja recht. Aber jetzt? Wie soll man sowas Urlaub nennen?


Also mache ich den Kamin aus und ziehe das jetzt einfach durch.

Wir machen uns auf den Weg nach Newcrest. Der Wagen ist bereits vollgepackt.

Als wir ankommen, ist Mam bereits draußen. Unsere Kleidung ist genauso schwarz wie das Haus. Wunderbar. Vertieft noch ordentlich unsere aktuelle Stimmung.

„Hey, Mam. Mein Beileid.“

Selbst ihr sehe ich die Trauer so richtig an. Da hat sie ihren Sven nun wiedergehabt und dann geht er einfach so.

Wir wollen reingehen, doch Mam ist kurz davor zusammenzubrechen. Ich gehe zurück.

„Alles gut. Bin da.“

Ich nehme sie noch eine Weile in den Arm, bevor es ins Haus geht, um die Urne abzuholen.


Da ist er also. Mein Paps. Jetzt kann ich einfach gar nichts mehr halten. Er ist tot und hier ist die Bestätigung.

Meine Schwester hat sich ins Schlafzimmer zurückgezogen, wo sie bestimmt schon den ganzen Morgen aus dem Fenster geschaut hat. Es sieht zumindest so aus.

„Hey, große Schwester.“

„Hey, kleiner Bruder.“

Mehr bringen wir gerade nicht raus.

„Paps ist einfach so in Mams Armen eingeschlafen. Kannst du dir das vorstellen? Wir saßen gemütlich am Kamin und haben dem Knistern gelauscht. Plötzlich ist er nicht mehr aufgestanden.“

Steven kommt zu uns. Auch er vermisst Sven sehr. Er meint, dass man so einen Schwiegervater einfach nicht vergessen kann.

Und so gehen wir gemeinsam nach Brindleton Bay, um Sven auf seinen letzten Weg zu begleiten. Valentino kommt auch mit und Nadine ebenfalls mit etwas Verspätung.

Deswegen Paps: Ruhe in Frieden. Ich hab dich lieb. Du bist der Beste.

Und jetzt entschuldigt mich bitte, denn ich möchte den Rest des Tages mit meiner Familie in Mt. Komorebi ausklingen lassen. Morgen sieht die Welt bestimmt wieder anders aus. Wir sehen uns, aber heute kann ich einfach nicht mehr.


0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen