• Kucki 232

Folge 63 - Nicht mein Tag


 

Erste Winterwoche: Donnerstag

Geburtstag: keiner

Event/Feiertag: keiner

Erzähler/in: Emily

 

Die Nacht war sehr ungemütlich, muss ich gestehen. So schön der Urlaub auch ist, aber es ist kalt. Hätte ich nie gedacht. Ich hätte wohl besser mal auf die Angebote achten sollen. So kurzfristig noch was Gutes zu bekommen, ist nicht einfach. Auch Marc gibt mir das am nächsten Morgen zu verstehen.

„Nicht, dass es wegen Paps schon sehr schwer ist, nein. Ich habe noch nie in meinem Leben so gefroren, wie heute Nacht.“

„Ja, ich muss gestehen: Es ist wirklich sehr kalt gewesen. Ich kam dann angekuschelt und dann ging es, hihi. Es tut mir leid. Ich wollte euch nur eine Überraschung machen.“

„Ich weiß. Es sollte ja auch kein Vorwurf werden. Wir haben das alle mal gebraucht.“


Unten im Wohnzimmer geht es durch den Kamin ja einigermaßen. Aber die Kälte draußen überwiegt ordentlich. Selbst die Kids haben sich schon nach unten verkrümelt und belagern den Kamin. Oh je. Das tut mir so leid.

Beim Frühstück geht es nämlich direkt weiter.

„Mam? Es ist so kalt hier und ich konnte nicht schlafen. Und es ist hässlich und stinkt. Zuhause ist es gemütlicher.“

„Ja, Madleen hat recht. Es ist total kalt und einmal kam sogar eine Schneeflocke durchs Fenster. Das Fenster ist immer wieder aufgegangen. Und das Klo stinkt.“

Alle waren sich einig: Sie möchten nach Hause. Vielleicht kann ich sie aber etwas überzeugen und wir machen heute was Tolles. Dann ist die Kälte schnell vergessen und der Kamin unsere Rettung, hihi.

„Wollen wir heute nicht ein bisschen wandern? Was meint ihr?“

Es schauen sich zwar alle irgendwie nur gegenseitig an, aber was soll ich denn jetzt machen? Ich versuche ja auch nur das beste draus zu machen. Vielleicht wäre es ja das nächste Mal angebrachter, in einem wärmeren Gefilde etwas zu mieten oder eben nach einer besseren Ferienwohnung hier in der Gegend Ausschau zu halten.


Ich mache eben noch fix sauber, bevor es losgeht. Hoffentlich haben wir genug warme Kleidung eingepackt. Hätte ja selbst nicht gedacht, dass das hier oben sooo kalt ist.

Schließlich machen wir uns dann auf den Weg. Warm eingepackt und auf geht's. Die Stimmung ist ganz gut.

Marc nimmt meine Hand und lächelt mir zu. Ich glaube, jetzt mache ich aber alles richtig. Dieser Spaziergang tut uns allen richtig gut.

Wenn hier kein Schnee liegt, wäre es bestimmt auch mal interessant hierherzukommen.

Auch Joel scheint seine Sorgen vergessen zu haben. Wunderbar.

Nachher beschließe ich dann mit allen noch einen wunderbar heißen Kakao zu trinken. Könnte ich eigentlich nachher auch noch für uns kaufen. Heißer Kakao hilft immer.


„Hey, wartet. Nicht so schnell.“

Plötzlich rennen alle in Windeseile los. Da komm’ ich nicht hinterher. Verrückte Bande, hihi.

Ich haue mich voll auf die Backen. Arghs. Aua. Verdammt. Wie haben die das so schnell geschafft?

Oben warten dann alle brav auf mich. War ja klar.

„Bist du auch endlich mal da?“

Pffff.

Der weitere Weg wird nämlich langsam auch für die anderen das reinste Chaos. Oh je. Wir hätten wohl doch nicht so weit gehen sollen. Heute klappt aber auch gar nichts. Ich meine es doch nur gut.

Mal gut, dass ich mich an Emilio festhalten kann. Rutschpartie pur.

Und so bleibt es auch den ganzen Weg über.

Ich überlege umzudrehen, weil es sich auch langsam ordentlich zuzieht. Es wird doch nicht wohl ein Schneesturm aufziehen? Vielleicht hätte ich mich da vorher besser informieren sollen, was man alles so hier oben mitnehmen muss. War dann wohl doch keine so gute Idee.

Wir bleiben stehen.

„Hey. Hier waren wir schon mal mit dem Pfadfinderverein. Das ist ja cool. Wir haben hier oben nach einer seltenen Schmetterlingsart gesucht. Ja, ich erkenne das wieder“, sagt Joshua.

„Da oben würde ich jetzt aber nicht hingehen, da die Stufen sehr rutschig sind. Wenn wir weiter nach rechts gehen, dann ist da ein richtig schönes Naturschutzgebiet. Wir haben dort sehr viel entdeckt. Selbst seltene Schnecken. Wollen wir dahin?“

„Was interessieren mich deine blöden Schnecken? Bei dem Wetter haben sie wohl Besseres zu tun“, meckert Emilio.

Joshua versteht langsam, wie mühsam es ist, alle bei Laune zu halten. Deswegen übernimmt er das Zepter und geht einfach los.

Wir sehen auch alte Felsen mit Gravuren, was ich jetzt sehr interessant finde. Wer weiß, wer sie gezeichnet hat?

Doch ich merke auch, wie die Truppe immer unruhiger wird. Die Luft wird immer eisiger und es ist alles andere als angenehm. Meine Füße merke ich nicht mehr. Joshi jedoch versucht weiterhin das beste draus zu machen.

„Hier wären wir. Diese Aussicht ist atemberaubend. Etwas zugeschneit, aber trotzdem ein schönes Bild der Natur. Im Frühling wimmelt es hier nur so von Leben. Von bunten Schmetterlingen und einer Vielzahl von anderen Insekten. Man hört es nur Summen und die Blumen sind auch nicht zu verachten.“

Na ja. Bei besserem Wetter und vor allen Dingen warmen Wetter würde man hier bestimmt wirklich viel mehr sehen.

„Mam? Ich möchte hier nicht mehr sein. Es ist so kalt. Ich mag das nicht. Möchte wieder nach Hause und nicht in das kalte Haus.“

Joel und Niklas sind nicht anders drauf. Nur Madleen findet das irgendwie interessant. Na toll.

„Ja, ist okay, Süße. Ihr habt recht. Es ist wirklich ungemütlich hier und wir haben nicht die passende Ausrüstung. Das war ein Fehler. Wir hätten nicht herkommen sollen. Sulani wäre da wohl ein Ticken besser gewesen.“

„Au jaaaa. Können wir nach Sulani fahren und da Urlaub machen? Da ist das nie so kalt.“

„Nicht heute, Süße.“

Ich nehme Aurelie in den Arm und versuche sie auch etwas zu beruhigen. Es ist eh alles schon so schwer gerade. Da möchte ich es allen nicht noch schwerer machen. Hätte einfach nicht sollen sein.

Es fängt nämlich doch tatsächlich ein Schneesturm an und wir haben ordentliche Probleme, wieder zurückzukommen. Gefühlt sind es Stunden, die auf dem Rückweg vergehen.

Wir finden unten eine Bar, wo wir uns hoffentlich aufwärmen können. Ich spüre nichts mehr. Weder meine Finger, meine Beine, noch meine Nase. Alles ist taub. Jetzt sehne ich mich doch langsam wieder nach einem schönen heißen Bad.

Und dann haben wir auch noch unser Geld vergessen, womit ein heißes Getränk jetzt wohl ausgeschlossen wäre.

„Ich hasse diesen blöden Urlaub. Wie kommt man auf die Idee, bei so einem Mistwetter in den Urlaub zu fahren? Boah. Lass uns einfach nach Hause. Hab kein Bock mehr.“

Ja, Emilio. Danke auch. Reite noch mehr drauf rum, denke ich nur.

Es stimmt mich traurig, dass die Überraschung gerade den Bach runtergeht. Ich könnte gerade so richtig heulen. Marc bekommt meine Stimmung mit und möchte da sein, aber es ist wohl doch besser zu gehen. Der Urlaub war also ein Reinfall. Bis übermorgen wollte ich eigentlich bleiben.


Also packen wir unsere Sachen. Kurz noch den Kamin aus und dann haben die anderen eben gewonnen. Ja, sie haben ja auch recht. Wir würden uns hier weiterhin einen abfrieren. Nächstes Mal buche ich eher und dann haben wir hier auch unseren Spaß. Das wird schön.

Draußen stehen auch schon alle und haben alles ins Auto verladen. Aber wie meine Stimmung jetzt ist, ist ja wohl klar. Na gut. Dann eben nicht.

Wir brauchen ca. eine Stunde zurück. Die Heizung ist auf volle Pulle und keiner sagt so wirklich was. So soll es sein.


In Windenburg sieht die Stimmung dann aber schon wieder anders aus. Hier ist das Wetter zwar auch nicht besser, aber dafür nicht so arschkalt. Ich stelle es mir trotzdem vor, gemütlich in so einer schönen Waldhütte, wenn es draußen stürmt und schneit. So sollte es ja eigentlich auch aussehen.

„Es tut mir leid. Ich habe es nur gutgemeint und wollte alle ein wenig ablenken.“

„Ich weiß.“

Also gehen wir rein und wärmen uns auf.

Joshua und Emilio verpieseln sich später noch, da sie ihre Trauer irgendwie anders bewältigen wollen. Aber eben noch beschweren, dass es in Mt. Komorebi so kalt ist. Man muss einfach aus dem Fenster schauen, um zu wissen, dass man lieber drinbleiben sollte. Aber gut.

Der Rest verpieselt sich ins Wohnzimmer.

Bis ich eine Nachricht von Joshua bekomme:

Mam, es tut mir leid. Ich konnte ihn nicht überreden.

Ich verstehe absolut nicht, was er damit meint, also frage ich nach.

Was meinst du?

Emilio hat sich ein Tattoo stechen lassen und mich dafür benutzt, damit er es bekommt. Ich würde ja locker wie 18 aussehen. Es tut mir leid, Mam.

WAAS???! Da bekomme ich jetzt aber richtig große Augen. Dreht er jetzt voll am Rad?

Marc bekommt mit, dass ich etwas aufgeladen bin und setzt sich sofort zu mir. Er ahnt schon Schlimmes und wartet nur auf eine Reaktion von mir.

„Dein Sohn hat sich ein Tattoo stechen lassen, kannst du dir das vorstellen?“

„Ich bin ehrlich. Emily. Ich weiß nicht, was ich mit dem Jungen noch machen soll. Es reicht langsam. Wie kommt er überhaupt an das Tattoo? Er ist doch gerade mal 15.“

„Frag das deinen lieben erwachsenen anderen Sohn. Ich weiß doch auch nicht, was hier gerade los ist. Marc, er hätte uns fragen müssen.“

„Na, das ist es ja.“

Wir beiden sind gerade richtig ratlos und als wir die Tür hören, gehe zumindest erstmal ich dorthin, um die beiden jetzt so richtig zur Sau zu machen. So geht das nicht.

„Was fällt dir ein, dem zuzustimmen? Hat er dir etwa eine Pistole vorgehalten, oder was? Joshua, was soll das?“

„Ja, was weiß ich? Es ging alles so schnell und ich hab einfach „Ja“ gesagt. Hab mir ja selbst dabei nichts gedacht und plötzlich hat er da angefangen.“

„Und wer soll das bezahlen? Ihr wisst schon, wie teuer das wird, oder? Denkt ihr auch mal ein bisschen nach? Herrje. Ich habe echt heute keine Kraft mehr, mich zu streiten. Wir reden morgen.“

„Es tut mir auch leid und wir werden das wieder geradebiegen, okay? Sorry, Mam.“

„Geh bitte erstmal in dein Zimmer. Wie gesagt: Wir reden morgen.“

Joshua geht total bedröppelt in sein Zimmer. Wenigstens er ist schon mal einsichtig. Ändern tut es trotzdem nichts an der Situation. Ich bin so stinksauer. Boah. Ich muss mich richtig zusammenreißen. Schließlich kommt nämlich noch Emilio ganz unschuldig durch die Tür. Und dann noch mit zwei Ohrringen dazu? Was ist mit ihm los? Sein Augenbrauenring dulde ich zwar noch, aber das da jetzt? Ich habe Angst, die Fassung zu verlieren. Marc kommt auch rettend zu Hilfe.

Mal schauen, was er also zu sagen hat.

„Also? Was soll die Aktion? Spinnst du so langsam?“

„Und? Stellt euch doch nicht so an. Opa hatte auch Ohrringe und nen Tattoo. Warum darf ich das nicht auch haben? Ist doch mein Problem. Warum habt ihr Tattoos, hmm? Was sagte Mam mal? Sie war 17? Ach, ja? Und du Paps? Wie alt warst du? Ich möchte halt noch was von Opa haben. Ist das so schlimm?“

Jetzt verstehe ich überhaupt, was hier los ist. Oh, man. Gerade weiß ich nicht, wie ich darauf reagieren soll. Mir fehlen einfach die Worte. Emilio schaut mich auch total traurig an. So habe ich ihn noch nie gesehen. Ist es wirklich alles wegen Sven?

„Hör zu. Was du gemacht hast, ist unter aller Sau, auch wenn ich deine Situation verstehe, okay? Lass uns bitte morgen darüber reden. Gehst du auf dein Zimmer? Bitte?“

Ohne was zu sagen, verpieselt sich mein Sohn ins Zimmer.

„Marc? Ich glaub´, ich brauch’ dich gerade so ein bisschen. Geht das?“

„Klar. Morgen klären wir das dann in Ruhe. So ganz durchgehen lassen können wir das jetzt nicht.“

„Ich weiß.“

„Komm erstmal her. Wir mümmeln uns jetzt auf die Couch und machen es uns gemütlich. Einverstanden?“

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