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  • Kucki 232

Folge 68 - Höhen und Tiefen

Aktualisiert: 28. Nov. 2022


 

Zweite Winterwoche: Dienstag

Geburtstag: keiner

Event/Feiertag: keiner

Erzähler/in: Marc

 

Langsam erhole ich mich von dem Tod meines Vaters. Die ganzen Tage war ich eigentlich nicht zu gebrauchen. Also irgendwie da, aber irgendwie auch nicht. Ab sofort möchte ich mich wieder zusammenreißen. Immerhin bin ich verblüfft darüber, mit was für Probleme meine Kinder mittlerweile nach Hause kommen. Puh. Da braucht man ordentlich Geduld. Besonders bei Emilio und Niklas. Als Joshua mir gestern erzählt hat, was auf dem Schulhof abging, habe ich nicht schlecht gestaunt.

Doch erstmal heißt es liegenbleiben. Ich habe keine Lust, aufzustehen. Draußen tobt schon die ganze Nacht ein heftiger Schneesturm. Dann lieber mit Emily kuscheln.

Nur, je länger ich jetzt liegenbleibe, desto mehr muss ich an Paps denken. Ganz überwunden habe ich es ja dann auch noch nicht. Ich stehe auf und seufze. Hmpf. Warum ist mein verrückter Paps nicht mehr?

„Hey, hey. Komm mal her, mein süßer Blondschopf. Ich hab da eine ordentliche Massage für dich, damit auch du den heutigen Tag überstehst.“

„Jo, danke. Aber ich komm’ schon klar.“

Wenn sie dann aber da einmal anfängt zu massieren, kann ich doch nicht widerstehen.

Schließlich nimmt sie mich in den Arm und es passiert genau das, was ich eigentlich immer vermeiden möchte. War ich eben nicht schnell genug.

„Ich geh’ dann eben duschen. Wenn ich so nach draußen schaue, kann das dauern.“

Also verschwinde ich erstmal. Man kann ja jetzt eh nichts gescheit draußen machen.

Plötzlich steht Emily, wie in alten Zeiten, nackig hinter mir und überfällt mich armes Ding. Da wollte ich doch eben nur duschen gehen. Irgendwo ist es ja schön, aber bin da irgendwie nicht so der Typ für.

Emily meint ja immer, dass ich mich einfach entspannen und mich fallen lassen soll, aber ich habe es nie wirklich geschafft.

Also gibt es eben eine Dusche zu zweit.

„Hihi. Das hat mir total gefehlt.“

„Ja, ähm. Nun ja.“

„Ach komm, Marc. Ein bisschen schön war es doch, oder nicht?“

Ich liebe sie halt auf meine Art und Weise. Ungewöhnlich, aber ich lieb sie. So zeige ich es ihr dann gerne mal.

Denn ich mache auch gerne mal Frühstück. Frühstück ans Bett gab es auch schon oft. Warum auch nicht? Bei solch kaltem Wetter ist das das Beste, was man machen kann.

„Ich mach’ uns eben Frühstück. Wie es scheint, haben die Kids alles weggefuttert.“

„Okay, hihi.“

Heute habe ich nämlich eigentlich noch viel zu erledigen. In meinem Job ist in den letzten Tagen alles etwas liegengeblieben. Ich konnte mich halt nicht konzentrieren. Klienten haben sich schon beschwert, weil ich mich nicht melde. Ja, was soll ich machen? Ich kann ja nicht mal eben so Urlaub beantragen. Ich muss 24 Stunden präsent sein. Trotzdem lasse ich es gemütlich angehen. Im Moment bin ich mehr froh darüber, dass ich endlich mal wieder klar denken kann.

Also wird auch gemütlich gefrühstückt. Mir doch egal, ob es schon 10 Uhr ist. Es rennt gerade absolut nichts weg.

Trotzdem bin ich am Überlegen, wie es mit dem Job weitergehen soll. Ständig geht hier irgendwas kaputt oder es meckert eines der Kinder. Irgendwas ist immer. So wie jetzt. War ja klar.

Wir verdienen mit unserem Onlinehandel schon ordentlich. Manchmal sogar mehr, als ich für einen Auftrag bekomme. Es ist eben uncool, wenn ich irgendwo wieder was beobachten soll und plötzlich einer hinter mir steht und eine Waffe auf mich richtet. Das ist mir vor kurzem passiert und hat echt den Vogel abgeschossen. Seitdem bin ich eben am Überlegen, ob ich den Job nicht lassen soll. Ich hatte ja letztens deswegen schon einen Streit mit Emily. Sie hatte Todesangst.

Und dann stirbt auch noch Paps. Lieber schrubbe ich gerade, als an den ganzen Kram zu denken.

Hier zuhause habe ich meine Ruhe. Also im wahrsten Sinne des Wortes. Ruhe hinsichtlich schwerer Fälle im Job. Ich mach’ hier einfach mein Ding und bin für mich. Kein Stress, kein Ärger und eben ein Stück Familie. Stress und Ärger ist hier zwar auch, aber eben anders. Darüber kommt man hinweg.

So viel muss noch geschraubt und angeschlossen werden.

Und eben auch saubergemacht werden.

Ja, ich weiß. Ich denke wieder viel zu viel nach. So bin ich halt. Deswegen gehe ich mal ins Büro und schaue mir die Mails an. Da ist bestimmt alles proppevoll mit Beschwerden. Seitdem Valentino nicht mehr arbeiten kann, macht mein Job nur noch halb so viel Spaß. Wir waren ein Spitzenteam. Und jetzt? Es fehlt halt was.

Na klar, hau’ ich mich dann auch noch mitten in den Schnee. Vielleicht möchte mich ja etwas daran hindern, dass ich die E-Mails durchlese und möchte, dass ich lieber oben mit meiner Frau vor dem Kamin sitze. Was muss, das muss. Man tut das weh. Und es ist so kalt. Bäh.

„Herr Marc Duvan, wir sind mit ihrem Service sehr unzufrieden. Eigentlich haben wir nur Gutes über sie gehört und bla bla bla bla“. Hmpf. Und das Ganze lese ich in 20 Mails. Es stimmt mich noch trauriger, als ich schon bin.

Ich habe einfach keine Perspektive mehr in dem Job.

Ich schreibe alle Absender an und vertröste sie erstmal. Herrje. Ist denn keiner von ihnen mal etwas menschlich und respektiert meinen Verlust? Ich habe es sogar auf meiner Webseite geschrieben, dass ich wegen eines Trauerfalles eingeschränkter verfügbar bin. Trotzdem zerlegen mich die Leute. Ach, lasst mich doch in Ruhe.

Ich mache den Rechner aus und gehe nach oben. Erst frage ich mich, wer das denn da oben ist, aber als ich genauer hinschaue, erkenne ich Marvin. Wow. Er ist mittlerweile auch Rentner? Hatte ich gar nicht so auf dem Schirm.

„Hey. Komm doch rein. Magst du einen Kakao? Ganz praktisch bei dem Wetter.“

Bis ich hinten am Eingang ein Mädchen stehen sehe. Als sie mich sieht, möchte sie gleich wieder verschwinden. Keine Ahnung, wer das ist. Überhaupt bei dem Wetter draußen rumzurennen, ist schon verrückt. Gut, ich mache es auch, denn ich bin neugierig, wer das ist. Habe sie letztens schon hier stehen sehen.

„Kann ich dir helfen? Ist ein bisschen kalt, findest du nicht auch?“

„Tja. Ich habe das Wetter wohl etwas unterschätzt und kam rein zufällig nur bis zu dem Haus und nun stehe ich hier, würde ich sagen.“

Das riecht nach Ausrede, da sie eben definitiv wieder wegwollte, als sie mich gesehen hat. Hm.

„Willst du nicht mit hochkommen und den Sturm abwarten? Ich wollte eh gerade Kakao machen, dann kannst du dich aufwärmen.“

Das Mädchen behalte ich trotzdem im Auge. Vielleicht war sie ja hier gerade am Spionieren. Stalkt uns und könnte eine Komplizin sein. Irgendwann würde dann der andere hier einbrechen, während ein anderer alles vorher erspäht. Auch solche Fälle habe ich damals viel übernommen.

Ich kenne sie nun mal nicht, aber ich kann sie auch nicht draußen stehenlassen.

Erst ist sie skeptisch, aber willigt schließlich ein. Wir gehen also nach oben.

Ich sehe ihr an, dass sie doch sehr froh darüber ist, dass ich sie mit reingenommen habe. Sie wärmt sich am Kamin auf und macht es sich auf der Couch bequem.

„Wie ist dein Name, wenn ich fragen darf? Gehst du mit meinen Söhnen zusammen in die Schule? Kennt ihr euch?“

„Ich bin Naomi.“

Auf meine zweite Frage antwortet sie jedoch nicht.

„Okay, cool. Ich bin Marc. Möchtest du einen Kakao haben?“

„Ja, gerne. Leider kann ich nicht mehr allzu lange bleiben. Bis 15 Uhr soll ich eigentlich zuhause sein.“

„Bei dem Wetter nicht zu empfehlen.“

Sie wird etwas nervös.

„Ja, aber ich kann trotzdem nicht länger bleiben.“

„Dann sag deinen Eltern doch Bescheid, dass du hier bist. Sie werden es bestimmt verstehen. Kommst du aus Windenburg? Sonst fahre ich dich nachher nach Hause.“

„Nein, alles gut. Ich geh’ gleich los.“

Und schon schaut sie wieder auf ihre Uhr. Dann muss ich mich ja ordentlich beeilen mit dem Kakao. Muss sie wissen.

Ich gehe zurück zu ihr und sehe, dass sie sich mit Marvin unterhält.

„Hier bitte.“

Naomi nimmt die Tasse dankend an und legt ihre Hände darum.

Trotzdem frage ich mich, was sie jetzt hier sucht. Plötzlich hat sie es so eilig. Hm, da ist doch was faul. Ist sie eine Kriminelle? Ich glaube, ich habe zu viel in diesem Beruf gearbeitet. Jeder Fremde ist mittlerweile irgendwie nur noch kriminell bei mir. Ich drehe wohl langsam durch.

Mit einer Tasse Kakao setze ich mich an den Tisch, bis ein Anruf meiner Schwester kommt.

„Hey, Schwesterherz. Wie geht's?“

„Was? Mam ist tot? Du verarschst mich jetzt. Wie? Verdammt. Hör auf, so einen Mist zu erzählen.“

Nein, das glaube ich gerade nicht. Mam und tot? Ey. Ich schmeiße gleich das Handy weg. Keine Lust mehr auf solche Nachrichten. Ich bin kurz davor, zu schreien. Zu heulen. Auszurasten. Am besten alles auf einmal. Aber ich bleibe ruhig. Versuche es zumindest.

Ich verstehe Nadine kaum. Sie ist so am Heulen. Emily ist bereits zur Stelle, als sie das gehört hat.

Noch so einen Verlust verkrafte ich einfach nicht. Nein, nicht noch einmal. Ich lege auf und falle meiner Frau einfach nur noch in die Arme. Mir egal, ob da jetzt noch jemand sitzt. Es ist zu viel.

„Nicht auch noch Mam.“

Dadurch, dass die Kids gerade nach Hause kommen, versuche ich stark zu bleiben. Sie brauchen mich jetzt, nach dieser Nachricht. Das Jahr hört mehr als beschissen auf. Was kommt als Nächstes?

„Hey, Joshi. Alles gut. Komm her, mein Sohn.“

Was für eine miese Situation.

„Wir packen das schon.“

Ich habe unseren Besuch total vergessen. Eigentlich wollte ich Naomi ja nach Hause fahren, aber der Sturm hat sich eh immer noch nicht gelegt. Bis ich dann doch etwas erstaunt bin, als Naomi plötzlich schlagartig aufstehen will, um zu gehen. Emilio spricht sie dann aber an und sie setzt sich wieder hin. Kennen die beiden sich?

„Ist das jetzt gerade Zufall, dass du hier bist? Sei ehrlich.“

„Äh, ich, ich. Ich äh. Ich muss jetzt gehen, denn es wird langsam spät.“

„Sie stand vorhin unten und da habe ich sie mit hochgenommen. Ist ja auch nicht gerade das beste Wetter, um draußen rumzurennen.“

„Äh. Stand unten? Einfach so? Aha.“

Was ist mit Emilio denn los? Er wirkt total verlegen und irritiert.

„Du hast doch letztens schon unten gestanden. Der Baum wäre so schön. Hm, ich glaube nicht, dass das Zufall ist.“

„Ich. Warum sollte das kein Zufall sein? Ich, ähm. Nun ja. Ich gehe hier immer lang und es ist ein schönes Haus. Da bleibe ich mal stehen und schaue halt. Ist das schlimm?“

Hm, ich weiß nicht warum, aber irgendwie merke ich gerade ganz schnell, woher der Wind weht.

Was aber gerade noch viel schöner ist, ist, dass ich kurz mal vergesse zu heulen. Emilio sitzt da ganz unsicher neben einem mir fremden Mädchen und sie sucht nur Ausflüchte. Hm, das muss ich doch mal beobachten.

Doch mein Sohn scheint von der Aussage gerade nicht so begeistert zu sein.

„Ach, leckt mich doch alle. Ich geh’ in mein Zimmer.“

Okay, jetzt komme ich gar nicht mehr mit.

„Hehe. Ich glaube, ich geh’ dann mal. Ich. Ähm. Es ist spät. Bis dann.“

Und Naomi ist plötzlich ganz schnell und geht nach Hause. Wollte sie etwa extra vor 15 Uhr weg sein, damit sie Emilio nicht trifft? Ist sie seinetwegen hier? Ist Emilio etwa verliebt?

Ich wollte ihr ja noch hinterherrufen, dass ich sie nach Hause fahre, aber es ist zu spät.


Einige Zeit später schaue ich vorsichtig bei Emilio durch die Tür. Ich sehe, dass er Tränen in den Augen hat. Klar, seine Oma ist gerade verstorben und mir geht es da nicht besser. Aber jetzt ist es mir umso wichtiger, für meine Familie da zu sein. So wie sie es für mich ist. Wir stärken einander.

Er liegt trostlos auf dem Bett und schaut nach draußen.

„Hey, Junge.“

„Was ist das für ein Mädchen? Kennst du sie?“

Emilio versucht cool zu bleiben und möchte es sich nicht anmerken lassen, wie es ihm eigentlich geht. Ich merke doch, dass was im Busch ist.

„Unwichtig, Paps. Es ist nur alles Scheiße im Moment. Mehr nicht. Wie immer halt.“

„Bist du sicher? Du kannst mit mir über alles reden, Emilio. Das weißt du. Naomi war vielleicht ja wirklich deinetwegen hier. Warum auch nicht? Scheint ein nettes Mädchen zu sein.“

„Naomi heißt sie?“

„Ja. Wusstest du das nicht?“

Er schüttelt nur mit dem Kopf.

„Okay. Aber ich möchte jetzt nicht drüber reden, okay? Ich fühl’ mich gerade nicht gut.“

„Kein Problem. Aber dann lass uns jetzt zu Abend essen. Es ist selbst für mich im Moment alles sehr schwer, das kannst du glauben. Und ich möchte jetzt auch mehr für euch da sein. Es tut mir leid, dass ich dich oft abgewürgt habe. Das war nicht fair. Ich habe mich zu sehr in meinen Job vertieft. Das tut mir leid und wird sich ab sofort ändern. Ihr seid mir sehr wichtig.“

Ich nehme Emilio in den Arm und er schmunzelt sogar kurz.

„Klar, Paps. Lass uns essen.“


Und so erzählen wir uns Geschichten aus der alten Zeit oder schweigen einfach vor uns hin, während wir an Sven und Tanya denken. Ihr fehlt mir so.


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