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  • Kucki 232

Folge 91 - Mein letzter Tag


 

Erste Sommerwoche: Donnerstag

Geburtstag: Joshua

Event/Feiertag: Geburtstagsfeier

Erzähler/in: Joshua

 

Was ist das denn hier für ein Lärm auf dem Flur? Ich kann ja eh schon nicht schlafen, da Ahnin Kucki zu mir gesprochen hat und meine Entscheidung steht. Bin ja nicht traurig drüber oder so, aber dieser Haufen hier wird mir sehr fehlen. Nur nicht unbedingt das, was sich gerade auf dem Flur abspielt. Es ist 23 Uhr. Joel macht total den Terz.

Er schaut ganz schön sauer aus. Aber irgendwie auch traurig.

„Kannst du mir mal bitte sagen, was du für ein Problem hast?“

Joel schaut mich nur an und weiß wohl nicht so recht, was er sagen soll.

„Ja, siehst du nicht? Die Zwillinge sind abgehauen und es ist meine Schuld. Man, verdammt. Ich hab echt kein Bock mehr, okay?“

„Einfach so? Was ist passiert? Warum bist du schuld? Was hast du getan? Wo sind sie hin? Wir müssen sie suchen gehen.“

Ich versuche so ruhig wie möglich zu bleiben.

„Was bölkst du hier das ganze Haus zusammen, Joel? Gehts noch? Wir wollen schlafen. Was ist passiert?“

Doch bevor er antwortet, verschwindet er. Paps und ich verstehen nur Bahnhof. Als ich ihn dann aber frage, wo denn die Zwillinge sind, kommt nur:

„Sie wissen, wie man ein Handy benutzt, okay? Melania eben.“

Hm, seit wann streitet sich mein kleiner Bruder? Er ist doch sonst so ein Ruhiger? Was ist mit ihm passiert? Da muss ich wohl morgen mal nachhaken. Eigentlich möchte ich ja nur meinen letzten Geburtstag im Haus feiern. Und dann kommt auch noch Madleen mit dazu:

„Was hat Joel gemacht? Die Zwillinge sind verschwunden. Spinnt er jetzt total? Er kann sie doch nicht einfach so gehen lassen. So kenne ich Joel gar nicht.“

„Leute? Könnt ihr mir bitte jetzt erstmal einen Gefallen tun? Ich habe morgen Geburtstag und ich möchte ihn mit euch gemütlich feiern, da es mein letzter voller Tag im Haus der Generationen sein wird, okay? Wäre das zu viel verlangt? Es wäre schade, wenn es jetzt so enden würde.“

Da schauen mich Paps und Madleen aber ganz schön an. Paps war ja schon drauf und dran Melania anzurufen und so, aber was soll das heute noch bringen?

„Hat Kucki zu dir gesprochen? Sag. Was hat sie gesagt?“

Und plötzlich ist Themenwechsel.

„Nö, heute nicht mehr. Ich möchte schlafen. Bis morgen.“

Die beiden unterhalten sich zwar noch weiter im Flur, aber das ist mir gerade egal. Die Zwillinge sind wohlauf und das ist im Moment die Hauptsache.


*****


Am nächsten Morgen treffe ich meinen Bruder in der Küche an. Natürlich interessiert es mich, was da vorgefallen ist, aber auf die Zeit kommt es eben an.

„Was hast du denn bitte gemacht, dass du die Zwillinge verscheuchst? Nicht, dass sie nicht schon schwierig genug sind, aber das hätte ich echt nicht gedacht.“

Plötzlich bricht er in Tränen aus.

„Ich habe die Wahrheit gesagt und dann ist sie abgehauen.“

„Hey, komm mal her, kleiner Bruder. Egal, was das für eine Wahrheit sein soll, aber es wird stimmen. Man sollte schon sagen, was einen bedrückt und da denke ich, hast du alles richtig gemacht. Wir können ja morgen mal reden, okay? Du musst ja eh gleich in die Schule. Wenn dann möchte ich noch eine gute Tat vollbringen, bevor ich ausziehe. Versprochen.“

Da muss er mir dann doch mal in die Arme fallen.

„Danke. Schade, dass du ausziehst. Du wirst mir fehlen.“

„Ich werde nicht aus der Welt sein.“

Denn ich habe heute an meinem Geburtstag frei und brauche nicht mehr in die Schule. Das wird mir gerade bestätigt mit einem „Viel Erfolg noch, Joshua.“

Ich habe mich ja in der letzten Zeit schon viel erkundigt, was ich jetzt also beruflich machen kann. Onkel Phillip hat mir empfohlen, bei seiner alten Stelle mal nachzufragen. Er war einst mal Meeresbiologe, aber die Firma steckt noch weitere Bereiche ab und so möchte ich als Naturschützer beginnen. Bedrohten Tieren ein besseres Leben schenken.


Später am Tisch genieße ich das noch einmal in vollen Zügen. Schon Wahnsinn, 5 Geschwister zu haben. Hier flogen nie so richtig die Fetzen. Na ja, doch. Manchmal. Aber wir haben es alle überlebt.

Madleen redet kein Wort. Sie ist das erste Mal sauer auf Joel. Dafür, dass sie eigentlich durch dick und dünn gehen, ist das eine Wucht.

„Nochmal an dich: Heute ist mein letzter Tag und ich möchte nicht, dass du so ein Gesicht ziehst. Das ist unfair. Ihr könnt euch morgen an die Gurgel gehen, okay?“

Sie zieht aber auch ein Gesicht. Pff.

Schließlich verschwinden alle in die Schule und Mam und Paps stehen auf. Stehen sie echt immer um kurz nach acht auf, wenn wir gerade das Haus verlassen haben? Das ist ja mal richtig gut zu wissen, haha. Aber klar. Wir können uns selbst versorgen und ich sowieso. Bin ja jetzt 18. Noch nicht offiziell, aber nachher dann.

Nachdem ich mich fertiggemacht habe, schaue ich mich überall nochmal um. So viele Jahre habe ich hier gewohnt. Bei den Bildern bleibe ich dann hängen.

Meine Eltern sind richtig ruhig hier. Gut, Paps hängt hier auch wie eine müde Kartoffel rum.

Er musste wohl heute Nacht los. Hat ja jetzt wieder einen neuen Job. Zumindest sieht es so aus, weil er seine Augen nicht aufbekommt. Auch ein hartes Ding so.

„Hat Joel mit dir geredet?“

„Was hat er denn gesagt? Was ist passiert?“

Jetzt wird auch Mam neugierig. Und langsam bin ich doch etwas genervt. Dreht sich jetzt alles um ihn und die Zwillinge? Verstehen sie noch nicht ganz, dass ich morgen ausziehe?

„Boah, können wir nicht einfach diesen Tag genießen? Vielleicht kommt ihr mal mit einem „Herzlichen Glückwunsch“ an, oder so? Irgendwie sowas?“

„Du hast recht. Tut mir leid. Ich mache mir halt nur Sorgen und du sollst einen schönen Tag haben.“

Ich kann sie ja voll und ganz verstehen. Bin ja am Überlegen, nachher schon mit Joel zu reden. Aber im Großen und Ganzen möchte ich erstmal nur diesen verdammten Tag genießen. Habe ich gerade verdammt gesagt? Tja. Ich bin halt erwachsen. Und was macht man so, wenn man erwachsen ist? Richtig. Ins Planschbecken gehen, bei der Hitze.

Und anschließend wild mit seiner Verlobten rummachen.

„Ja cool. Kommst du rum?“

Ja, was guckt ihr so? Darf ich das nicht? Auch ein Naturfreak liebt es, irgendwas zu bestäuben. Ist nun mal der Lauf der Natur. Und ich eben mittendrin.

Alina freut sich sogar schon richtig auf morgen. Die Waldhütte da oben ist richtig schön. Da bauen wir uns ein Leben auf.

Aber erstmal möchte ich offiziell ein Mann werden. Mam hat den Kuchen bereits gebacken und vielleicht wächst mir ja gleich noch ein Brusthaar mehr und die Zahnklammer verschwindet endlich. Die ist richtig schlimm.

Und so feiert Joshua Duvan seinen letzten Geburtstag im Haus der Generationen. Das Leben kann beginnen.

In Badehose älter zu werden, kann nur ich.

Mit Mam muss ich später auch noch reden. Irgendwie weiß Ahnin Kucki da ja was mehr als ich. Wo hat sie plötzlich das weiße Ding auf dem Rücken her? Nein, aber nicht jetzt.

„Komm mal her, Großer. Herzlichen Glückwunsch.“

„Herzlichen Glückwunsch.“

Tja, was soll man noch sagen? Ich habe alles, was ich brauche, in meinen Armen.

Und mehr brauche ich nicht. Natürlich. Die Familie brauche ich auch. Ihr wisst schon, was ich meine.

Sie möchte eben nochmal nach Hause, um sich umzuziehen. Alina fühlt sich heute eigentlich nicht so wohl, aber sie möchte den Tag mit mir nicht verpassen. Es ist aber auch heiß draußen. Selbst mir ist heute etwas schummrig.


Und da ist sie schon wieder. Mein Traum aller Butterblumen, der bestäubt werden muss.

Es hat mir auch sehr viel Spaß beim Pfadfinderverein gemacht. Aber nun trennen sich unsere Wege und ich eröffne neue Pfade. Wohin sie mich wohl bringen werden?

Und so möchte ich einfach nur noch diesen Tag mit meiner Verlobten, Freunden und Familie verbringen. Einfach nur im Mittelpunkt stehen und über alte Tage erzählen.

Und natürlich Paps helfen.

Auch wenn Madleen und Joel so gut wie nichts sagen. Das juckt mich gerade nicht.

Denn die ersten Gäste trudeln ein und ich freue mich, dass so viele gekommen sind. Cousinchen Natalie und Doreen, die Frau von Benny.

Auch Yannik und Marianne sind hier.

So viele. Clarissa, Veronika und Naomi.

Und ich trinke mein erstes Glas Alkohol. Paps hat sich nach draußen verzogen und denkt nach. Tja, ich kann ihn verstehen. Sein erster Sprössling verlässt das Haus. Ich bin aber immer für ihn da. So wie jetzt. Ich sitze einfach nur hier und beobachte ihn.

Aber nach drinnen muss ich dann zwischendurch auch mal.

„Geht es dir denn besser?“

„Geht.“

Jetzt mache ich mir doch etwas Sorgen.

Sie mag diese Party aber total. Das freut mich schon mal.

Hier ist auch super Stimmung. Selbst am Tresen.

Und dann hat Mam auch noch den weltbesten Kuchen gebacken. Mehr kann ich einfach nicht berichten. Es ist einfach nur schön. Auch wenn ich weiß, dass ich morgen ausziehen werde. Aber das hier heute, ist einfach nur der Wahnsinn.

Mal einfach alle Sorgen vergessen und gute Laune haben.

Na ja. Und Geschenke auspacken.

Onkel Phillip und Tante Aurora.

Und deren Sohn mit seiner Frau. Hey, sie lacht heute mal, haha.

Leute? Ich liebe diesen Tag. Ich werde ihn nie vergessen.

Etwas später dann aber:

„Geht es dir wirklich gut? Soll ich dich zum Arzt bringen? Darf ja jetzt Auto fahren.“

„Nein, keine Sorge. Alles gut. Musste nur ein bisschen raus.“

„Sicher?“

Später kommt sogar Cousin Nico noch vorbei. Echt ein korrekter Kerl.

Und drinnen haben sich auch zwei gefunden.

So eine super Stimmung. Draußen entdecke ich Joel, der irgendwie total teilnahmslos im Sessel rumschaukelt. Da muss ich dann doch mal kurz hin. Es geht mich ja trotzdem was an. Scheint es doch, was Ernsteres zu sein. Das tut mir leid.

„Hör zu. Egal, was du da jetzt hast. Tust du mir einen Gefallen und vergisst das jetzt mal für den Rest des Abends? Kommst du bitte mit rein? Bitte.“

„Klar. Tut mir leid.“

Er fällt mir in die Arme und gratuliert mir.

„Tut mir echt leid. Lass uns feiern. Und alles Gute zum Achzehnten.“

Und so gehen wir gemeinsam rein. Wenn dann sollen jetzt alle mit dabei sein.

Denn es soll ein wundervoller Abend bleiben.

„Hihi. Die habe ich für dich eben gepflückt.“

Ja, ein fast perfekter Abend. Nur fast. Ein klitzekleines Stück dazu fehlt noch.

Denn schließlich kann ich mir dann doch nicht die Tränen verkneifen, als der Geburtstag sich langsam dem Ende neigt. Und auch die letzte Nacht in diesem wundervollen Haus anbricht.

Danke für die schöne Zeit im Haus der Generationen. Viele Höhen und Tiefen habe ich hier erlebt, aber im Großen und Ganzen haben wir immer zusammengehalten und das zählt.

Danke auch an euch, die mich aufwachsen gesehen haben und mit mir durch die Natur gegangen sind. Die mein kleines Problem mit den Mädchen mitbekommen haben. Oder mich als Held erlebt haben, weil ich ein Mädchen gerettet habe. Ja, es war eigentlich mein Paps, aber ich habe geholfen.

Haltet die Ohren steif. Meine Geschwister haben bestimmt noch so einiges zu erzählen. Aber ich ziehe mich jetzt in ein friedlicheres Leben mit meiner Alina zurück. Oder meint ihr nicht, dass ich schon längst weiß, warum es meiner Verlobten nicht so gut geht? Hmm?


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