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  • Kucki 232

Kapitel 114 - Geborgenheit


 

Ich schwitze nicht mehr so wie heute Nacht. Das ist schon mal gut. Was auch immer das war. Puh.

Ich hoffe ja immer noch darauf, dass plötzlich jemand sagt, dass wir jetzt die Bude klar Schiff machen, weil nachher eine große Party stattfindet. Denn ganz ehrlich? Die Stimmung hier - nun ja.

Isabelle redet kein Wort und Paps ist immer noch sauer wegen Kucki. Na toll. Wie es also aussieht, wird die Stimmung heute genauso trüb wie draußen. Toll. Wie im Kindergarten hier.

„Was guckst du mich so an, Jenny? Es ist nun mal nicht okay, was sie immer mit uns abzieht. Was soll das? Sie kann uns nicht einfach so herumschieben. Ist doch so.“

„Aber es ist doch langsam auch mal gut, oder nicht? Sie möchte auch nur helfen. Okay, sie ist ein kleiner Wirbelwind und überstürzt vielleicht ein bisschen was, aber sie ist trotzdem nett. Und schau dir doch mal das Wetter an. Du kannst sie doch nicht einfach so draußen allein lassen.“

„Das hat sie damals auch nie bei uns interessiert. Pfff.“

„Hallo? Ist jetzt langsam mal gut? Was ist los mit euch?“

„Ja ja, ihr habt ja recht. Entschuldige ich mich halt bei ihr. Werde ich sie suchen gehen und dann ist gut.“

Paps steht auf und fängt an, wieder irgendwo rumzuschrauben.


Jedenfalls rennen wir in den nächsten Stunden stumm rum und meine Hoffnung schwindet immer mehr, dass irgendwie was stattfindet. Jeder ist in seinen eigenen Gedanken gefangen. Hat man mich vergessen?

„Joel? Ich war vorhin einkaufen. Sorry. Will keine miese Stimmung verbreiten. Habe Luftballons gekauft. Natürlich feiern wir nachher.“

Paps schüttelt auch nur mit dem Kopf und weiß, dass es mich betrübt. Morgen können wir ja gern drüber reden, aber heute habe ich da echt keinen Bock zu.

Und so räumen wir den Wagen aus. Ein bisschen gute Laune bekomme ich dann doch.

Selbst Jenny verschwindet plötzlich in der Küche und fängt an zu schnippeln.

Nur Isabelle sitzt weiterhin nur da und starrt ins Leere. Hm. Langsam bekomme ich schlechtes Gewissen und habe immer mehr das Gefühl, dass sie gar nicht will, dass wir hierbleiben. Menno. Was soll das alles jetzt? Ich wollte eine riesen Party schmeißen mit all meinen Freunden. Bis in den nächsten Morgen hinein. Nur. Hmm. Mit welchen Freunden eigentlich?

Ja, es ist alles ein bisschen komisch gerade, aber mir egal. Was Jenny da gezaubert hat, ist genial. Ich freue mich schon, einen Burger zu essen.

Selbst Paps fängt jetzt in der Küche an zu werkeln. Käse-Augäpfel. Egal, wie mies er gerade drauf ist, aber die Idee ist genial. Ich glaube, dass ich Paps nachher mal ordentlich knuddeln muss. Wir packen das schon. Ist halt alles ein bisschen überstürzt. Nur ein bisschen.

Ich versuche die Stimmung ein bisschen zu lockern, was mir irgendwie selbst nicht so ganz gelingt.

Bis dann der kleine Lebensretter kommt.

„Was ist hier heute eigentlich los? Ich dachte, wir wollen Joels Geburtstag feiern? Also, wenn mein 18. Geburtstag so aussieht, dann bin ich böse auf euch. Immerhin wünsche ich mir dann ein Auto.“

„Und deswegen feiern wir. Vielleicht bekommt Joel dann ja auch ein Auto und wir fahren rum und dann zeige ich ihm alles. Chestnut ist total cool.“

„Okay, ja cool. Vielleicht fahren wir nicht mit meinem Auto rum, aber feiern tun wir trotzdem.“

„Cool.“

Was wäre ein Geburtstag ohne Kuchen? Genau. Kein Geburtstag.

„Mama kann den besten Honigkuchen backen. Ist wirklich der beste.“

Normal redet Lukas nie wirklich viel, aber er scheint langsam bei uns aufzutauen. Das finde ich toll.

Bis dann Jenny wieder der Kragen platzt.

„Hör mal, Marc. Wenn du jetzt nicht langsam mal den Fall ruhen lässt, dann haue ich dich oder du schläfst auf der Couch. Verstanden? Manno Meter.“

„Hey, nein. Alles gut. Es ist. Es ist eben alles ungewohnt, okay? Ich. Hmpf. Ein bisschen müsst ihr mich aber auch verstehen.“

„Na, klar. Tun wir. Aber auch du musst uns verstehen. Wir können da jetzt nichts dran ändern und hey. Auch wenn es alles ein bisschen schnell ging, freue ich mich, dass wir hier zusammen sein können. Auch du wirst dich hier wohlfühlen. Chestnut ist einfach toll.“

„Ich versuche es ja, okay?“

„Und damit du dich noch wohler fühlst, vernasche ich dich auf der Stelle.“

„Moment. Echt jetzt, ihr beiden?“

Okay, cool. Paps kann schon mal wieder ein bisschen lachen. Und was noch cooler ist, ist, dass das Wetter langsam besser wird. Sehr schön. So fangen wir an, noch etwas aufzuräumen und aufzubauen. Jenny hat auch ihre Mam zur Seite gezogen und mit ihr mal in Ruhe geredet. Was will man denn jetzt auch dran ändern?


Wir gehen nach draußen, um den Rest auf der Ranch zu machen.

Isabelle entschuldigt sich bei uns und beschließt, dass wir uns morgen mal alle zusammensetzen und schauen, wie es weitergeht. So einen wirklichen Schlachtplan haben wir ja jetzt auch noch nicht. Kucki hat uns hier einfach abgesetzt und das war es auch schon.

Ich finde es schön, dass sich Isabelle jetzt auch mit an unserem Vorhaben beteiligt. Mit einem Kürbis fängt sie an.

Als wir mit allem fertig sind, genießen wir draußen noch die warmen Sonnenstrahlen. Unvorstellbar, dass morgen schon Winteranfang sein soll.

Meine Gedanken kreisen im Moment überallhin. Ich kann mich gerade kaum noch an ein Leben erinnern in Willow Creek. Klar, ich weiß, wo wir gewohnt haben, aber was ich dort erlebt habe, weiß ich nicht. Schon irgendwie bescheuert, oder? Es fühlt sich trotzdem so verkehrt an. Dieses Nichtwissen. Als sollte da eigentlich etwas sein. Nun ja. Eine Erinnerung habe ich aber noch.


Paps ist zwar immer noch recht still, aber er sagt, dass um 16 Uhr die Familie vorbeikommen möchte. Er wusste noch keine Zeit. Mam ist mit Emilio und Michelle im Hotel. Finde ich cool.

Also kann es doch losgehen, oder nicht? Ein bisschen Ablenkung tut uns allen doch mal gut.

Was ich auch schön finde ist, dass Isabelle sich mit Paps noch ausspricht. Aber morgen dann alle gemeinsam. Das ist wichtig.

Die Party beginnt mit einem karamellisierten Apfel. Wunderbar. Mir geht es so weit auch ganz gut. Ich bin recht gelassen, auch wenn ein bisschen dicke Luft herrscht. Vielleicht hat es ja einen Grund? Nun ja.

Ich habe gerade nämlich etwas Hoffnung. Oder ist euch heute Morgen etwa nichts aufgefallen? Keinem?

Es klingelt an der Tür und jemand betritt mit einem: „Alter, ist das eine schräge Hütte“, das Haus. Wer das wohl ist? Klar. Mein verrückter Bruder.

Ich freue mich gerade riesig darüber, dass er rechtzeitig hier angekommen ist. Vielleicht hat ja mein Geburtstag so einiges gerettet?

„Alter, du kleiner Furz. Glückwunsch. Bist ja dann endlich auch mal erwachsen, was? Wird auch mal Zeit, haha.“

„Hab´ dich auch lieb.“

Es klingelt erneut an der Tür. Als ich hingehe, fange ich ganz breit an zu grinsen. Mein Herz klopft und ich bin gerade so happy. Es ist also wirklich so. Oder warum soll ich sonst heute Morgen eine SMS an Katharina geschrieben haben, wenn ich sie ja eigentlich vergessen hätte? Sie ist also mit Cecilia hier? Wow.

Als ich rausgehe, ist sie ganz aus dem Häuschen.

„Es hat wirklich geklappt? Jaaa? Hat es? Wirklich? Ich hatte so eine Angst, als du gestern bei mir warst. Und dann kam Oma an und wir sind los. Einfach los. Hihi.“

„Oh, wie schön. Wie schön, hihi. Im Hotel haben wir deine Mutter getroffen und sie meinte, dass ihr hier seid und. Hach, das ist so toll. Ich habe es geschafft und Joel? Es tut mir so leid. So unendlich leid. Alles Gute zum Geburtstag, hihi.“

Und dann fällt sie mir nur noch um den Hals.

„Ich lieb dich so. Dich lass’ ich nicht mehr so einfach gehen, hihi.“

„Ich dich auch nicht.“

Es ist gerade der Hammer, dass sie hier ist. Gestern hatte ich die Hoffnung aufgegeben. Habe immer auf mein Handy gestarrt, bis ich dann schließlich doch vor 0 Uhr eingeschlafen bin. Doch hier ist sie.

Sie ist so wunderschön. Und wem habe ich zu verdanken, dass sie hier ist? Ihre Oma ist echt der Wahnsinn.

„Ich danke Ihnen. Wären Sie nicht losgefahren, dann. Oh, Mann. Dann. Nein, Sie sind hier.“

„Als ich meine Enkelin draußen hab stehen sehen, bin ich direkt raus. Erst wollte sie nicht mit der Sprache rausrücken, aber dann sind wir einfach losgefahren.“

„Ich bin Ihnen so dankbar. Wirklich. Danke.“

Und jetzt bin ich der, der Katharina einfach nur in den Arm nimmt und lange küsst. Sehr, sehr lange.

Ich gehe mit den beiden total happy rein. Katharina meinte, dass es sehr knapp gewesen wäre. Sie waren um 23:45 Uhr erst in Chestnut. Meine Mam hatte ihnen im Hotel dann auch alles erzählt. Und das allerschönste ist dann auch, dass sie direkt hier ist. Ich bin mega happy.

„Alles Gute, mein Großer.“

„Danke, Mam.“

Cecilia kommt auf mich zu und ist aber doch etwas betrübt.

„Joel? Es ist zwar schön, dass wir angekommen sind, aber Katharina und ich waren heute Morgen die ganze Zeit am Überlegen, woher wir eigentlich kamen? Wo müssen wir wieder hin zurück? Keine Ahnung.“

„Ähm, was? Wieso?“

„Es ist weg. Die Erinnerungen. Keine Ahnung, wo wir hin müssen.“

Das Blöde ist, dass auch ich keine Antwort weiß. Musste diese Fahrt echt so viele Opfer bringen? Musste alles solche Opfer bringen? Das wäre übel und ich habe das Gefühl, dass ich morgen nicht nur mit Paps und Isabelle reden sollte.

„Ich weiß nur noch, dass wir hierhergefahren sind und dann war alles weg.“

Okay, das ist echt uncool.

Und egal, was kommt: Ich werde morgen Kucki suchen. Nur sie kann helfen. Als Paps jedoch mit meiner kleinen Schwester ankommt, ist für diesen Zeitpunkt alles erstmal wieder vergessen. Ich versuche, das schon die ganze Zeit zu vergessen. Zumindest heute. Morgen ist mir alles egal, aber heute möchte ich nur meinen Geburtstag feiern. Es war schon holprig genug, bis hierhin.

„Na, Süße. Ich habe dich richtig vermisst.“

Es ist alles so kompliziert. Aber nicht in diesem Moment. Ich lasse es jetzt einfach nicht mehr zu für heute. Heute ist das mein Tag. Und genau deswegen genieße ich ihn jetzt einfach nur noch. Mit Bildern.

Es ist nämlich gerade richtig wunderbar, dass ich doch nicht so allein durch alles durch muss.

Selbst Isabelle kommt irgendwann dazu.

Und auch, dass Mam und Paps miteinander sprechen, finde ich schön.

Ich mag vielleicht gestern noch mehr Sims in meinem Leben gehabt haben, als heute.

Doch das, was ich seit heute habe, reicht mir voll und ganz aus.

Es ist mein Tag.

„Alles Gute, hihi.“

Ein Gefühl der Geborgenheit überkommt mich. Es fühlt sich wunderbar an. Eigentlich sind doch alle da, dir mir wichtig sind, oder nicht?

Später gehe ich mit Katharina noch nach draußen und möchte mit ihr allein sein. Sie schaut sich um und findet den Ort wunderschön.

Ich höre ihr gar nicht richtig zu, sondern schaue ihr nur in die Augen. Bin so froh, dass sie da ist. Dass sie es geschafft hat. Was wäre passiert, wenn ich nicht in Willow Creek gewesen wäre? Ich würde jetzt hier nicht so mit ihr stehen.

Ich bereue einfach gar nichts.

Selbst Paps ist kurz mal wieder der Alte.


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